K[journ]

Konstantin Klein

Irgendwie doch ein Blog. Oder so.

6 Minuten

Es war ein minor brouhaha in den letzten Tagen: Nach einer ursprünglichen Zulassung warf Apple die Mail-App des Anbieters HEY aus dem App Store mit der Begründung, ein bezahlter Maildienst müsse seine Zahlungen über Apple abwickeln (und Apple damit seinen Zehnten abdrücken - genaugenommen sind es sogar drei Zehnte!). HEY wickelt seine Abos aber nicht in der App ab, sondern nur über die eigene Website. Es folgte ein zähes Hin und Her und schließlich eine grummelige Einigung.

Der Hickhack weckte mein Interesse genug, dass ich mich um eine Einladung zu HEY bemühte; um die Last niedrig und das Interesse hoch zu halten, vergab HEY Accounts zuerst nur auf Einladung. Am Dienstag war es dann soweit (inzwischen sind Einladungen offensichtlich nicht mehr nötig), und ich konnte mir HEY näher ansehen. Zitat von der Einstiegsseite:

Hey everyone—

It’s 2020, we need to talk about email.
Email gets a bad rap, but it shouldn’t. Email’s a treasure.
[…]
Email deserves a dust off. A renovation. Modernized for the way we email today.
With HEY, we’ve done just that. It’s a redo, a rethink, a simplified, potent reintroduction of email. A fresh start, the way it should be.

Ja, ist OK. E-Mail ist zum notwendigen Übel geworden, und ihr habt die Idee, mit der E-Mail wieder zum “Schatz” wird. Verstanden.

Nun beschäftige ich mich ja gerne etwas näher mit diesem ältesten Kommunikationsweg des Internet und weiß daher, dass es schon viele mehr oder weniger erfolgreiche Versuche gab, E-Mail wieder beherrschbar zu machen - von einfachen Mailfiltern bis hin zu ansatzweise intelligenter Künstlicher Intelligenz, die Mailnachrichten sortieren, bewerten und aufarbeiten soll. Was ich nie wirklich verstanden habe, war die Notwendigkeit dafür - ich schaffe es seit 27 (!) Jahren, meine E-Mail mit Filtern und persönlichen Blocklisten unter Kontrolle zu halten. But HEY, that’s just me.

Von der Inbox zur Imbox

Was macht nun HEY anders?

Zunächst, in einer Trainingsphase, wird ankommende Mail grundsätzlich in Geiselhaft Quarantäne genommen, und der User muss sie, um sie überhaupt ansehen können, anhand von Absender und Betreff kategorisieren: Ist das Spam, oder will ich vielleicht von diesem Absender nichts mehr lesen? Oder fällt die Nachricht in eine von drei Kategorien: Paper Trail (alle Bestellbestätigungen, Rechnungen, Lieferankündigungen, eben alles, was mit Transaktionen in real life zu tun hat), The Feed (Newsletters, Werbemails, die man trotzden lesen will etc.) und Imbox - das ist erstens kein Tippfehler (dazu gleich mehr) und zweitens die Post, die ich als erstes lesen will und als einziges nach dem Training ohne weiteren Klick angezeigt bekomme. Paper Trail und Feed sind zwei Mausklicks oder einen keyboard shortcut entfernt.

Wie zuverlässig und vor allem intelligent die Verarbeitung nach der ersten manuellen Einordnung arbeitet, kann ich nach fünf Tagen einfach nicht sagen; auf mich macht die Sache vor allem den Eindruck von ganz herkömmlichen Mailfiltern unter einer, nun ja: schicken Oberfläche. Leider dauert die Gratistestphase nur zwei Wochen, was zu kurz sein könnte, um die wahren Werte von HEY schätzen zu lernen. Nach diesen zwei Wochen aber ist die erste Jahresgebühr von US-$ 99 (in Worten: neunundneunzig!) fällig; kürzere Abos oder monatliche Abrechnung gibt es nicht.

Oha.

The Deal

Was bekomme ich - nein, was bekommt man (denn ich - Spoiler alert! - werde wohl nicht zu den zahlenden Kunden gehören) nun für die 99 Kröten?

Eine Mailadresse @hey.com, verbunden mit der Notwendigkeit, alle Abos und Accounts umzuleiten oder umzustellen und allen menschlichen Kontakten mit yet another Adressänderung auf den Zünder zu gehen. HEY mit der eigenen Domain zu nützen, ist derzeit nicht möglich - man denke noch über die Umsetzung und die dafür fälligen Gebühren (what?) nach.

Eine Mobilapp, die, von den Zusatzbuttons für Feed, Paper Trail etc. abgesehen, aussieht wie die meisten anderen mobilen Mailapps.

Eine Weboberfläche, die in einem dunklen Lila gehalten ist, das nur unwesentlich attraktiver ist als das, das ich für die auf dieser Seite üblichen Einfärbung der Artikelbildes ausgesucht habe; bis jetzt lässt sich das Erscheinungsbild nicht ändern.

Eine rumpelig-langsame Weboberfläche (chromium-basierter Browser auf Windows 10).

Eine “Imbox”, wo ich eine Inbox erwartet hätte - weil sie nur wichtige, also “im"portant Mail enthält. Das ist ja lustig.

Und dann findet HEY nur und ausschließlich in dieser Weboberfläche und den diversen Apps statt. Wie auch bei anderen sich innovativ gebenden Anbietern (looking at you, Tutanota und Protonmail!) ist ein Zugriff über die Standardprotokolle IMAP und SMTP und damit der Einsatz eines Mailprogramms der eigenen Wahl (incl. Erweiterungen wie Verschlüsselungen) nicht drin.

Wo bleibt das Positive?

Natürlich ist nicht alles schlecht bei HEY - durchaus nicht. Die Firma dahinter ist Basecamp, die Projektmanagement und remote working schon anbot, als Slack noch ein feuchter Traum war und keiner an Corona, Home Office, Zoom oder gar Microsoft Teams dachte. Mit einer solchen Expertise im Hintergrund steckt möglicherweise tatsächlich genug Gehirnschmalz für $ 99/Jahr in HEY, und ich habe es in der kurzen Zeit einfach nicht gefunden.

Dann: Basecamp und damit auch HEY sind US-amerikanische Firmen, und das ist für datenschutzbewusste Europäer (eigentlich für Datenschutzbewusste überall) ein Problem. Das weiß man auch bei HEY und bietet dafür erstaunlich klare, verständliche und offene Datenschutzhinweise an. Kurz zusammengefasst in etwa so: Bei HEY fühle man sich sowohl europäischen wie kalifornischen Datenschutzregeln verbunden, aber die Server stehen nun mal in den USA, und auch das Safe Harbor-Abkommen bzw. der EU-US Privacy Shield bieten nur begrenzten Datenschutz. Das ist ehrlicher als das meiste Datenschutzgeschwurbel, das man im Netz so findet.

Und dann kann es einfach auch sein - bzw. ich bin mir sogar sicher, dass ich nicht zur Zielgruppe von HEY gehöre. Ich habe meinen Mailfluss ganz gut im Griff und kann ihn gerade selber sortieren; mehr als einen leistungsfähigen Spamfilter brauche ich eigentlich nicht. Das hat auch damit zu tun, dass Mail in meinem (privaten) Netzalltag nicht mehr die Rolle spielt, die sie noch vor ein paar Jahren hatte. Wichtige und vertrauliche Kommunikation läuft bei mir über Signal, in der Mailbox finde ich überwiegend automatische Kommunikation: Bestätigungen, Rechnungen, Newsletter, alles nicht in einer solchen Menge, dass ich elektronische Hilfe bräuchte. Andere haben vielleicht auf gerade so etwas gewartet.

tl;dr: Als zahlenden Kunden wird mich HEY nicht sehen. Your mileage may dagegen vary.

Statt eines Kommentars

Stammleser Peter van I. hat mich darauf hingewiesen, dass Jack Baty schon weiter ist (oder zu anderen Schlüssen gekommen ist) als ich und sich für einen dauerhaften HEY-Account entschieden hat. In seinen ersten Eindrücken hat Baty, wenn auch in größerer Detailgenauigkeit als ich auf dieser Seite, aufgeschrieben, was ihm an HEY aufgefallen ist, was ihm gefallen hat und was nicht:

Imsorry but “Imbox” is stupid.

Nach der Lektüre der beiden Artikel weiß ich auch, was einen dazu verleiten könnte, 99 US-Kröten für eine neue Mailadresse auszugeben. Baty hat offenbar genug interessante, wichtige oder auch nur verwaltenswerte Mail, dass er auf die HEY-eigenen Funktionen wie Umbenennung und Neugruppierung von Threads, schnelles Auffinden aller Nachrichten zu einem Thema oder einer Person etc. nicht verzichten möchte. All dies habe ich in meiner zunehmend Messenger-dominierten Kommunikation nicht; in meiner Mail-Welt brauche ich es nicht. Vielleicht, weil ich beruflich in einem beruflich regulierten Umfeld maile, verwalte und archiviere, privat aber Mail längst (s.o.) keine so große Rolle mehr spielt.

Eben: Your mileage…

Und dann kam doch noch ein Kommentar

Ich kann (und konnte auf Mastodon) mich da nur wiederholen: Wenn die Mailbox täglich voll ist mit Nachrichten, die eine komplexe Vorsortierung nötig haben, um überhaupt beherrschbar zu sein, kann Hey ebenso helfen wie ein ausgefeiltes Filtersystem. Bei mir tun es eher einfache Filter, eine aktuell gehaltene Blacklist und ein gut trainierter Finger auf dem Delete-Knopf.

Ihre Meinung dazu?

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