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Home Sweet Home (Office)

Die ganze letzte Woche über hatte ich vor, hier einen Text zum Thema “Husten in Zeiten der Seuche” zu schreiben. Einen Titel hatte ich schon (“Husten, wir haben ein Problem!”), einen Inhalt auch (die Sorge eines Menschen mit chronischem Husten, von besorgten Mitbürgern aus dem vollen Bus geworfen zu werden, was ich ihnen nicht einmal hätte verdenken können) - nur den Kick, den Text auch tatsächlich zu schreiben, den hatte ich nicht.

Ja. Hat sich vorerst erledigt. Am vergangenen Freitagabend bekam ich die offizielle Ansage aus der Abteilungsleitung, bis auf weiteres aus dem Home Office zu arbeiten - als meine eigene Risikogruppe (über 60, Vorerkrankung, semiprofessioneller Dauerhuster, ÖPNV-Nutzer). Seitdem habe ich die Wohnung nur noch verlassen, um den Müll runterzubringen, die Waschmaschine zu füttern, und einmal für einen Weg zur Post. Die meisten Lebensmittel lasse ich mir schon seit Jahren liefern - jetzt sind es eben alle, und Frischware wird sowieso überschätzt.

Da ich als “Teilzeit-Soziopath” (K. Kister, 2020) auch vorher schon eine Tendenz zum Einsiedlertum hatte, war die Umstellung einfach - eigentlich fast gar keine. Jetzt eben noch die Sache mit dem Home Office (siehe Artikelbild) - und am vierten Tag (von wie vielen insgesamt??) ist festzustellen: Es ist aushaltbar. Das Gemurmel im Großraum wird ersetzt durch Teams (auf dem iPad rechts), durch E-Mail (auf dem großen Bildschirm) und durch Telefonate (auf dem Bild nicht zu sehen, denn mit irgendwas musste ich das Bild ja aufnehmen). Was sich am meisten geändert hat, ist die Struktur der Arbeit. Sie findet jetzt in bursts statt: Liste der unmittelbaren To-Dos anlegen, via VPN einloggen ins Redaktionssystem, die Dinge hintereinander abarbeiten, die auf der Liste stehen, ausloggen. Denn - und das dürfte in vielen Home Offices ähnlich aussehen - die VPN-Zugänge meines Arbeitgebers waren und sind nicht dafür ausgelegt, dass ein ganzer Ö/R-Sender gleichzeitig dorthin umzieht. Zum Glück gibt’s Webmail. Und Teams. Und eine IT, die das Ganze am Laufen hält (Applaus!).

Am seltsamsten ist in den ersten Tagen tatsächlich der Weg zur Arbeit und zurück. Um die Struktur eines Arbeitstags tatsächlich aufrecht zu erhalten, gehe ich erst um 8:30 vom Wohn- ins Arbeitszimmer und verlasse den Arbeitsplatz am späten Nachmittag ebenso symbolisch wieder. Natürlich komme ich am frühen oder auch späteren Abend nochmal an den Schreibtisch; schließlich kann ich mir nur für mein privates Online-Leben kein zweites Arbeitszimmer anlegen. Aber die beiden Augenblicke, die bis auf weiteres jeweils eine halbstündige Busfahrt ersetzen, halte ich noch durch - ebenso wie den Grundsatz, nicht in T-Shirt und Schlabberhose zur Arbeit zu gehen (Schlappen schon, das ja!).

OK, dies ist Tag 4 von vermutlich sehr vielen. Aus der Redaktion höre ich, dass es einen weiteren Ansteckungsfall gegeben hat, und bin - ich geb’s zu - erst einmal froh, meine eigene Risikogruppe (s.o.) zu sein.

Mal sehen, was dieser Frühling noch so bringt…

Konstantin Klein / Konstantin