K[journ]

Konstantin Klein

Irgendwie doch ein Blog. Oder so.

4 Minuten

(Woran merke ich - mal wieder -, dass ich älter werde? Daran, dass es mich Alten Zausel™ ein wenig stört, dass der Dirigent des Wiener Neujahrskonzerts Andris Nelsons, immerhin Musikdirektor des Boston Symphony Orchestra und Gewandhauskapellmeister des Gewandhausorchesters Leipzig, keinen Frack zur Arbeit trägt, sondern ein sackartiges Dingsbums aus schwarzem Samt. Nun weiß ich durchaus, dass ein Frack ab einem bestimmten Körperumfang eher lächer- als feierlich aussieht, weshalb ich noch nie einen getragen habe. Aber irgendwie… nee.)

Den Rückblick sparen wir uns an dieser Stelle. Rückblicke, kluge wie dumme, gibt es sowieso überall im Netz, und das Jahr 2019, das Jahr der unnötigen Aufgeregtheiten, hat mit der Affäre Oma noch ein passend unwürdiges Ende genommen. Danke, tschüss.

Mein Ausblick verändert sich aber mit den Jahren, und das hat weniger mit meinem Älterwerden zu tun als mit dem dieser von einer uneinsichtigen, sturen Menschheit geplagten Erde. Weihnachten habe ich mit meiner Tochter verbracht, die schon sieben Jahre länger Greta heißt als Greta aus Schweden und sich trotzdem dumme Sprüche anhören muss. Und natürlich haben wir uns auch über die Welt unterhalten, die meine Generation (pauschal ausgedrückt: die Diesel- und SUV-Generation) der ihren (pauschal ausgedrückt: die Generation, die nichts dafür kann) hinterlassen wird.

Absolut einig waren wir uns darin, dass die Mobilitätswende nicht in der Frage besteht, welches Auto denn nun das richtige ist, sondern darin, ob man überhaupt eines braucht. Ich habe schon seit 2014 kein eigenes Auto mehr (und wirklich gebraucht habe ich es zum letzten Mal im Sommer 2012) und miete, wenn ich eines brauche; das letzte Mal war im Februar 2017, als ich nach Bonn umzog. Aber mach das mal einem aus der Diesel- und SUV-Fraktion klar, dem sein Auto offenbar wichtiger ist als die Zukunft seiner Kinder.

Nicht ganz so sicher bin ich mir, ob ich ihr auf dem Weg in den Vegetarismus folgen werde. Bisher meine ich immer noch, dass mir da was fehlen würde. Sprach’s und biss in ein Schinkenbrot.

Jenseits der Straße

Auch jenseits der Mobilität sind meine Vorsätze recht klar: Meinen ohnehin schon leicht unter dem deutschen Durchschnitt liegenden carbon footprint (nein, der unterdurchschnittliche Wert ist keine großartige Errungenschaft, sondern sehr einfach durch Änderung der eigenen Fahr- und Reisegewohnheiten, weniger Heizen und mehr Licht-aus zu erreichen) weiter zu senken. Dazu gehört, PET-Einwegflaschen (I’m looking at you, Coca-Cola!) so weit wie möglich durch Mehrwegflaschen zu ersetzen; ganz wird das nicht möglich sein, denn Gin-Apfelschorle schmeckt doch irgendwie komisch. Einwegverpackungen, die nicht aus Papier sind, müssten in meinem Leben auch reduzierbar sein, ohne dass die Lebensqualität darunter leidet. Wäre doch gelacht. Ha, ha.

Und was das Leben im digitalen wie analogen Netz angeht… Hier hatte ich ja schon aufgeschrieben, warum ich auf die großen Social-Media-Plattformen dauerhaft keinen Bock mehr habe. Im Großen und Ganzen heisst das, dass ich mich der Daueraufgeregtheit der Populisten zwischen “Friday for Hubraum” (wer kommt eigentlich auf derart jammervolle Ideen?), #Omagate und der Wand ganz rechts außen künftig verweigern werde. Ja, ich weiß, dass zur Demokratie auch der Diskurs gehört, aber der Dauerlärm in nicht nur sozialen, sondern auch vielen herkömmlichen Massenmedien geht nicht vom engagierten Diskurs aus, sondern ist das Ergebnis reiner Trollerei. Und haben wir den Satz “Don’t feed the trolls” denn immer noch nicht kapiert? Trolle leben von der Aufmerksamkeit, die man ihnen schenkt, von der Empörung, die sie erzeugen, von der diskursiven Nebelwand, in der immer nur sie gewinnen, weil sie sich an die Grundregeln einer sachlichen Diskussion partout nicht halten.

Mein letzter Vorsatz für 2020 lautet also: Trolle ignorieren. Wir müssen uns damit abfinden, dass sie in absehbarer Zeit nicht weggehen, dass ihr Feuchtbiotop nicht austrocknet. Aber wenn wir aufhören, Populismus, Nationalismus und Rassismus mit unserer Aufmerksamkeit zu beehren, könnten wir so den Prozess der Normalisierung, der Verschiebung des Denk-, Sag- und Machbaren, das Umkippen unserer demokratischen Werte vielleicht verlangsamen, vielleicht doch aufhalten.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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