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Diskussionsmüll

Es geschah aber zu jener Zeit, genauer an diesem Sonntagabend, dass einer anhieb und schrieb:

Liebe @CDU, liebe @akk, @altenbockum @RKiesewetter et al. - wann dämmert es Euch, dass die Aussicht, in einem Land aufzuwachen, in dem Die Anderen das Sagen haben, nicht mehr als Drohung gewertet wird, sondern als Versprechen?

Tatsächlich. Ich war es selbst, der solch ungustiöses Zeugs zur aktuellen Tagespolitik tweetete. Und ich weise an dieser Stelle nicht darauf hin, weil ich diesen Tweet für extrem gelungen halte, sondern weil er (der Tweet) zeigt, zu welchem Verhalten mich eine Stunde sonntagabendlichen Twitterlesens bringen kann. Normalerweise kommen mir derlei plump politische Worte nämlich nicht über die Tastatur.

Ja, die Ärzte (die Ansammlung von Medizinern, nicht die Band) haben mir verboten, mich aufzuregen. Aber wer liest, was sich inzwischen nicht nur auf dieser Plattform an Whataboutisms, argumenta ad hominem, dreisten Lügen und durchschaubarster (ja, ich weiß, dass “durchschaubar” nicht steigerbar ist, aber hat schon mal jemand angeguckt, was die CDU zu ihrer umweltpolitischen Bilanz getwittert hat?) Schönfärberei so tut, kann sich nur noch aufregen. Oder woanders hingucken, aber dazu ist es an diesem Abend für mich zu spät.

(Zu der verlinkten Schönfärberei sei dem geneigten Leser übrigens der hier begonnene Thread von @shengfui ans Herz gelegt.)

Ja, ich habe zu denen gehört, die sich über das Entstehen von Plattformen für offene, direkte und ungefilterte Kommunikation von Herzen gefreut haben. Irgendwie hatte ich bei dieser Freude, die nun auch schon vor ein paar Jahren rapide abgeklungen ist, völlig vergessen, dass mit besagter offener etc. Kommunikation leider keinerlei Verpflichtung zu Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit oder Anstand verknüpft war oder ist.

Nein, hatte ich natürlich nicht vergessen. Ich mag ja immer noch an das Gute im Menschen glauben, aber blöd bin ich auch nicht.

Faszinosum Panik

Was ich aber an den derzeit vor sich gehenden, nein: “Diskussionen” kann man es nicht mehr nennen - wollen wir uns auf “Hetzkussionen” einigen? Was also bei den Hetzkussionen vor allem aus der selbsterklärt bürgerlichen Ecke (als mich selbst als bürgerlich definierender Mensch schäme ich mich für diese Bezeichnung inzwischen) fast schon ekelhaft faszinierend ist, ist die aus ihnen sprechende Panik.

Eine Frau Kramp-Karrenbauer wird von einer Sonntags-“Zeitung” wie folgt zitiert:

Annegret Kramp-Karrenbauer: „Wer von einer neuen Regierung träumt und Grün wählt, muss wissen, dass er mit der Linkspartei aufwachen kann.“

(An dieser Stelle noch einmal der Hinweis: Ich weiß durchaus, wie man Tweets einbettet - und so seinen Lesern einen Twitter-Tracker an den Hals hext. Also verlinke und zitiere ich lieber.)

Der Witz an dem Zitat ist ja, dass es sinngemäß auch heißen könnte: “Wer von einer neuen Regierung träumt und Grün wählt, muss wissen, dass er mit einer Regierung aufwachen kann, in der die Union keine Rolle mehr spielt.” Und das kann ich nur als Versprechen auffassen, nicht als Drohung. But hey, that’s just me.

Frau Kramp-Karrenbauer spielt dagegen mit der Angst der Wähler vor Veränderung, die in Deutschland die Volksparteien viel zu lange ungefährdet hat machen lassen, was sie eben immer gemacht haben. Diese Furcht vor Veränderung ist auch nach wie vor vorhanden - bei den Volksparteien selbst, bei der ihnen nahestehenden Presse (die selbst zu Recht Angst vor Veränderungen hat, aber bisher noch kein Rezept, um mit dieser Veränderung fertigzuwerden) und bei ihren verbliebenen Wählern. Wobei letztere immer weniger werden, weil sie wegsterben - oder weil ihnen etwas klargeworden ist.

Faszinosum Scheißangst

Frau Kramp-Karrenbauer und all die anderen, die jetzt gegen Fridays for Future, Greta Thunberg, den YouTuber Rezo und mögliche oder unmögliche rot-grün-rote Koalitionen stänkern, spekulieren auf die Angst der Bürger - und haben selbst doch nur eine einzige riesengroße Scheißangst. Weil ihre Kon- und Rezepte nicht mehr funktionieren, weil ihre Verknüpfungen ein grundsätzliches Umdenken nicht zulassen, weil immer mehr Menschen klar wird, dass es ohne durchgreifende Veränderungen einfach nicht mehr geht.

Hinweis: Ja, ich finde es auch beängstigend, mein Leben auf den letzten 25 oder so Prozent nochmal grundlegend ändern zu müssen. Aber ich habe eine Tochter (und aus der zuletzt danebengegangenen Ehe sowas wie einen Stiefsohn), und die sollen in einer zumindest halbwegs brauchbaren Welt leben können. Und gegen dieses Ziel ist die Angst vor Veränderung einfach nur lächerlich.

Nachtrag: Der in dem zuerst verlinkten Tweet angesprochene Roderich Kiesewetter hat in der Zwischenzeit, also während ich mich aufregte, erkannt, dass er zur Unterstützung seiner Meinung eine Youtube-Quelle herangezogen hatte, die nun aus mehreren Gründen gar nicht geht. Er hat seinen Tweet zurückgezogen und gelöscht - und sich dafür entschuldigt. Das ist ebenso vorbildlich wie leider selten.

Konstantin Klein / Konstantin