K[journ]

Konstantin Klein

Irgendwie doch ein Blog. Oder so.

3 Minuten

Gibt es den Ausdruck “Edelfeder” eigentlich noch? Oder genauer: Verwendet den noch irgendjemand? Als ich Journalismus lernte, damals, irgendwann im letzten Jahrtausend, sprachen wir mit einer gewissen Ehrfurcht von Edelfedern, also Kolleginnen und Kollegen, die Wiktionary als

besonders anspruchsvoll und kultiviert Schreibende[n]

definiert. Und zumindest damals schwang in vielen von uns heimlich die Hoffnung mit, es vielleicht selbst einmal zur Edelfeder zu bringen.

Nun ja, vier Jahrzehnte später hat der Autor dieser Zeilen es zumindest zum Status einer einigermaßen leistungsfähigen Gebrauchsfeder gebracht und blickt neidarm auf die, die auch im 21. Jahrhundert noch als Edelfedern bezeichnet werden, vor allem, weil auch sie ihre Texte längst in Redaktionssysteme oder Textverarbeitungsprogramme (“Edel-Word”??) hacken.

Heribert Prantl ist eine der Edelfedern der Süddeutschen Zeitung. Das erkenne ich an, selbst wenn ich Prantltexte - jetzt ist es raus! - meist eher erdulde. Loblieder auf das Grundgesetz im Besonderen und die Demokratie im Allgemeinen, Warn- und Brandreden gegen Intoleranz, Fanatismus und Nationalismus - ja, klar. Alles richtig, d’accord und was nicht alles. Es sind nur meist so ausgeruhte, fast schon furchtbar durchdachte und bis zur Entpörung (oder wie man das Gegenteil von Empörung nennen soll) herunterdeklinierte Texte, die bei mir vor allem pflichtbewusstes Kopfnicken auslösen.

Es folgt eine Leseempfehlung

Umso erfreuter war ich am Wochenende über Prantls Text “Freiwilligkeit, aus Angst geboren”, ein Blick auf die Grundrechte, auf unsere Grundrechte in Zeiten der Pest Coronakrise. Die Frage, die Prantl sich und uns stellt und in erfreulicher Deutlichkeit beantwortet:

Ist die Corona-Warn-App der Durchbruch im Kampf gegen das Virus? Oder der Anfang einer großen staatlichen Überwachung?

Prantl, der Menschenfreund, der allen SZ-Lesern und -Nichtlesern nur das Beste (also Gesundheit) wünscht, wird deutlich und wettert gegen Versuche an, mit undurchdachten, undurchsichtigen, aber selbstverständlich freiwillig im Dienste der guten Sache zu installierenden Apps die Coronakrise in den Griff zu bekommen.

Leseempfehlung, dringende! Ganz, ganz dringende!

Wenn ich mir vorstelle, dass die Daten aus der Anti-Corona-App und die Gesundheitsdaten aus Fitnesstrackern und Smartwatches zusammengeschaltet und kombiniert werden - dann steigt meine Herzfrequenz.
Ich wünsche Ihnen, ich wünsche uns, dass das Virus nicht die Kraft hat, Staat und Gesellschaft auf falsche Wege zu führen.

Mit einem schmerzlichen Lächeln las die Gebrauchsfeder den Text - umso schmerzlicher, als ich am Mittwoch vor Ostern für meinen Arbeitgeber selbst einen Text geschrieben hatte, der dann an Ostern erschienen war: “Die App, der Datenschutz und das Herdentier”, ein Text, der aus Gründen™ längst nicht so stringent und deutlich ausgefallen war, wie ich mir das vorgestellt hatte. Und doch:

Zugegeben: Angesichts einer weltweiten Pandemie, angesichts der alarmierenden Zahlen von Schwerkranken und Toten, erscheint das bisschen Datensicherheit, das bisschen Datenschutz zweitrangig. […]
Doch irgendwann wird diese Pandemie zu Ende sein, weil genügend Menschen immun geworden sind, weil man einen zuverlässigen Impfstoff gefunden hat. Dann ist Schluss mit Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen. Die persönlichen Daten aber, die wir in dieser Zeit freiwillig oder unabsichtlich preisgegeben haben, die sind dann da draußen. Und keiner kann sie wieder einfangen.

… in der Hoffnung, dass zumindest diese Vorstellung den einen oder anderen nochmal zum Nachdenken bringen wird, bevor er die freiwillige Zustimmung zur staatlichen Kontrolle gibt.

Nachtrag: Forscher:innen warnen, Kontaktverfolgung könne zur Überwachung missbraucht werden (netzpolitik.org). Die also auch.

Ihre Meinung dazu?

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