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Being unsocial

Ein großer Kneipengänger bin ich aus den unterschiedlichsten Gründen eher nicht, ein ganz und gar unsoziales Wesen aber nun auch wieder nicht. Und so fiel es mir nicht ganz leicht, vor einigen Monaten meinen Facebook-Account nicht nur vorübergehend stillzulegen, sondern zu löschen (wobei die Frage bleibt, ob Facebook Daten von gelöschten Accounts wirklich löscht. Ich würde meinen: nei-en.). Das ging einher mit den Löschungen von WhatsApp und Instagram von meinen Mobiltröten und hatte vor allem mit dem undurchsichtigen Verhalten des Mutterkonzerns Facebook zu tun, was den Umgang mit Kundendaten angeht, war also kein Fall von “Ich will euch alle nicht mehr sehen (schluchz!)”.

Die Folgen dieser Entscheidung, die ich mir im Übrigen nicht leicht gemacht habe, waren dramatisch: Ich musste ab sofort wieder in meinen Kalender gucken, um Geburtstage nicht zu vergessen. Ich…

Nein, das waren die Folgen schon großenteils. Geburtstagserinnerungen, fehlende. Natürlich erfuhr ich auch von vielen von euch/Ihnen nichts neues mehr, aber das war dank der intransparenten Umstellungen der Timeline-Algorithmen von Facebook vor der Löschung auch schon viel zu oft so. Umgekehrt bekamt ihr/bekamen Sie, um nur ein Beispiel zu nennen, von meinen gesundheitlichen shenanigans in diesem Sommer auch nur beim Lesen des entsprechenden Blogeintrags oder durch persönlichen Kontakt etwas mit.

Not that there’s anything wrong with it.

Aber…

So ein wenig fehlt mir die virtuelle Stammkneipe ja doch. Twitter? Pu-leeze!

Wählt Twitter die Inhalte meiner Timeline immer noch selbst aus, oder bin ich tatsächlich nur mit Redaktionen befreundet?

In der Folge dieses Tweets habe ich tatsächlich einige Redaktionen entfolgt, aber zu einem sozialen Netz ist Twitter deshalb noch lange nicht geworden. Hat vielleicht auch damit was zu tun, dass da drüben, in der rechten Ecke, zuviele mit ihren Megafonen vor sich hin grölen. Allein zu wissen, dass sie da sind…

Ich habe da mal eine Frage

Bleibt die Option, sich an die hier versammelte Leserschaft zu wenden. Was, liebe Mitleser, macht Ihr/machen Sie denn so, wenn das Bedürfnis nach einem virtuellen Kneipenbesuch zu groß wird?

Ich erinnere mich da noch an den Versuch, mit Diaspora ein offenes, verteiltes Gegen-Facebook zu etablieren. Alles, was (mir) davon geblieben ist, ist ein verdammtes Diaspora-T-Shirt. Immerhin passt es mir noch.

Freundliche Mitmenschen versuchen in jüngerer Zeit, mich mit etwas namens Mastodon vertraut zu machen, doch wenn ich auf diese Seite gucke, sehe ich rechts auch nur etwas Twittereskes, nahezu Twitteröses ablaufen. Ist Mastodon tatsächlich ein social network? Und ist es nicht eine Scheißarbeit, den Mastodonten zum Laufen zu bekommen?

Überhaupt: Was gibt es denn sonst noch in dieser Richtung? Man kriegt ja nichts mehr mit, seit man nicht mehr via Facebook erfährt, mit welchen Argumenten und in welche Richtung sich andere von Facebook entfernen…

Kein Kommentar

Wie jetzt? Kein Kommentar, nur weil es hier aus den bereits lang und breit diskutierten Gründen keine Kommentarfunktion gibt? Aber es gibt doch E-Mail, und ich freue mich auf und über jeden sachdienlichen Hinweis, welche potentiellen Stammkneipen es da draußen noch so gibt, wen man da trifft, und wie es da so ist.

Und wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich den einen oder anderen dieser sachdienlichen Hinweise an dieser Stelle als Kommentar posten. In Handarbeit.

Kommentare

Zuverlässig hat Peter geantwortet, der mich und andere ohnehin oft per Mail mit Informationen versorgt. Auf meine Frage an dieser Stelle hat er geantwortet:

I’ve read through the suggestions listed here (very recent article): https://www.1and1.com/digitalguide/online-marketing/social-media/the-best-facebook-alternatives/ and I think it would worth your time following up on those that appeal to you. I noticed a few buzzwords that appealed to me, were I to succumb to digital socialising.

Der verlinkte Artikel ist vom 25. September, also noch nicht einmal einen Monat alt und schon überholt. Angesprochen wird darin nicht nur meine T-Shirt-Quelle (s.o.) Diaspora, das es offensichtlich immer noch gibt, sondern auch Path (kein Link), das gerade erst vorgestern aufgegeben und dichtgemacht hat.

Weitere Antworten kamen ausgerechnet via Twitter, wohl, um mir zu beweisen, dass es eben doch ein Soziales Netzwerk ist. @duke_de schrieb:

Mastodon musst du nicht zwingend selbst hosten. Such einen offenen Host und teste es ;) Wobei ich der Meinung bin, dass federated Social Networks zu “kompliziert” für “whatsapp-User” sind, und die daher eine Nische bleiben werden :/

Und der auch schon an anderer Stelle hier verlinkte Armin Hanisch tweetete:

Interessanter Post. Aber nu doch auf Twitter? ;-) Für mich™ ist Twitter tatsächlich der Schwerpunkt, gerade weil ich hier leicht jemand außerhalb meiner Bubble finde. Und ich folge Menschen, nicht Orgs (ok, die NASA). Ansonsten rigoros blocken, falls nötig.

Wie wir sehen, bin ich - u.a. mit scha(u)mloser Eigenwerbung™ - noch aktiv auf Twitter. Aber ich bleibe bei meinem o.a. Vergleich: Auch sympathische und kreative Menschen verfallen dort gelegentlich dem Megafonismus, wenn sie vor allem witzige, geschliffene Kurztexte in die Welt pusten, die nicht unbedingt auf Interaktion ausgerichtet sind.

Ebenfalls per Mail (klappt doch!) meldete sich Carsten H. und brachte mir zunächst ein neues Wort bei:

Fediverse, laut dem verlinkten Wikipedia-Artikel

eine Vielzahl von unabhängigen sozialen Netzwerken, Mikroblogging-Diensten und Webseiten für Online-Publikation oder Daten-Hosting, die mittels offener Standards und Kommunikationsprotokollen miteinander verbunden sind.

Genannt wird in dem Wikipedia-Artikel wie in Carstens Mail identi.ca, das ich damals, vor vielen, vielen Jahren auch mal ausprobiert hatte, das aber heute auf etwas namens pump.io verweist, offenbar auch eine Open Source social engine, aber eben nicht mehr identi.ca. Im weiteren Verlauf kommt Mailschreiber Carsten auf Mastodon zurück und schreibt weiter:

Ich nutze Hubzilla, das ist die eierlegende Wollmilchsau unter den Instanzen. Es läuft bei mir auf einem Raspberry Pi. Ich bin technisch kaum versiert, aber das Installieren von Debian auf der Box und von Hubzilla habe ich mit Paste & Copy gut hinbekommen. Hubzilla eröffnet einem, was ein soziales Netzwerk heutzutage sein kann: Die eigene Cloud, der eigene Messenger, man kann Feeds abonnieren, Beiträge nachträglich bearbeiten, ein Blog betreiben, hat eine Kalenderfunktion, sowas halt. Ich kann von Hubzilla aus mein WordPress-Blog beposten und umgekehrt. (Auf http://2muchin4mation.com landen bei mir z.B. die formatierten Beiträge aus toomuchinformation.de. Die Software dort ist Friendica, die läuft auch auf shared hostern, hat auch den Anspruch, so einfach wie WordPress installierbar zu sein. Mastodon ist wirklich schwer zu installieren.

Stimmt, Friendica… Hatte ich auch mal angeguckt.

Und das ist genau das Kreuz mit all den verteilten Socialdingern. Angeguckt hatte ich mir davon schon einige, herumgespielt damit auch - aber zu den Zeiten, als ich noch Facebooknutzer war. Weil alle anderen auch Facebooknutzer waren bzw. sind. Sicher findet man unter den Alternativen, die sich hier in den Kommentaren ansammeln, Brauch- und Nutzbares. Aber dann fängt die eigentliche Arbeit an: Die Freunde aus dem Real Life™ davon zu überzeugen, dass dieses andere Dings, wo keiner ist, doch viel besser ist als Facebook.

Immerhin habe ich jetzt ein Programm für den Sonntag, wenn er nicht doch wieder schön sonnig wird. Was mich bei all der Unübersichtlichkeit freut: Ich merke, dass es auch bei den Sozialnetzen etwas gibt, was es vorher schon und immer noch in der Blogosphere gibt: viele einzelne Instanzen, betrieben von Leuten, die sich nicht in die Hände von Großnetzwerken begeben wollen (oder sich daraus wieder befreit haben), viel Vielfalt, viel zu entdecken. Hurrah.

Zum Abschluss noch eine Antwort auf den Tweet von @duke_de weiter oben - @WTFdrums schreibt:

Mastodon muss man selbst abspielen, sonst hört man es nicht!

(Falls sich gerade jemand fragt: Ja, ich weiß, wie man Tweets “richtig” in die eigene Seite einbettet. Ich weiß aber auch, dass man sich und vor allem seinen Lesern damit Twitters Tracking-Tools einfängt. Die Entscheidung darüber möchte ich aber jedem von Ihnen selbst überlassen.)