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Being my own editor

Ein überraschter Blick auf das Blog: Ja, es ist noch da. Auch wenn schon mehr als ein Monat seit dem letzten Eintrag vergangen ist. Und schon um mich selbst zu beruhigen (es wird doch nichts passiert sein - nein, ist es nicht!), tippe ich hier und jetzt:

In den voraussichtlich letzten paar Jahren meines Lebens als festangestellter Journalist stelle ich immer häufiger fest, welches professionelle Problem ich habe (dass ich eins habe, muss hier nicht näher diskutiert werden): Ich habe zunehmend Schwierigkeiten, mich über Dinge aufzuregen und sie auf diese Art zum Thema zu machen. Altersgelassenheit mag nicht völlig verkehrt sein - für Journalisten und Blogger und alle dazwischen kann sie tätigkeitsbehindernd wirken.

Nicht, dass es keinen Grund zur Aufregung gäbe…

Trump, BoJo, Salvini, Bernd Höcke und die AfD-Wähler (sicher schon der Name einer schlechten Rechtsrock-Band, oder?), Gretahasser, Trump, der Klimawandel und die Folgen, die keiner wahrhaben will, C. Lindner und seine Partei (auch ein Name für eine Band, wenn auch kein guter), Trump, das Wetter, die Bahn…

Das Blöde daran…

Das Blöde daran - mal davon abgesehen, dass ich mich ärztlicherseits nicht aufregen soll - ist, dass die eine Gruppe dieser Gründe (FDP, Wetter, Bahn) keine neuen Gründe zum Aufregen bietet und all die anderen bei der Normalisierung ihres Verhaltens erfolgreicher sind, als ich selber wahrhaben will. Sprich: Bei jedem neuen Ausfall eines Trump, BoJo oder Bernd Höcke kommt zunächst der sehr genervte Seufzer™, bevor dann doch die professionellen Reflexe greifen. Zum Glück.

Was aber die langen Blogpausen angeht, stehe ich vor einem großen Problem. Es sieht ungefähr so aus:

"That's me, folks!"

Genau. Ich bin mein eigener Redakteur. Und als solcher sage ich auch im Office angesichts eines handwerklich OK seienden, aber absolut nicht aufregenden Textes oft, wie “vorhersehbar” er sei, und setze dabei die Messlatte um der Qualität des Produktes willen manchmal höher an, als dem Autor oder der Autorin recht ist.

Und wenn ich das auch hier, auf diesen Seiten mache, dann habe ich ein Problem.

Wenn das, was mir zu einem Aufregerthema einfällt, letztendlich “vorhersehbar” ist, dann lasse ich es einfach. Was beim jeweils neuesten Ausfall der Trumps, BoJos oder Gretahasser immer öfter der Fall ist: Mir fällt zu all denen nur der übliche Aufregerscheiß ein, der beim 25. Mal nicht mehr originell ist - und dann lasse ich es eben.

Die Normalisierung greift

Mir ist völlig klar, dass das ebenfalls eine Folge der o.a. Normalisierungstaktik ist, und mir ist klar, dass das alles andere als gut ist. Angesichts der Trumps, BoJos, Salvinis, Bernd Höckes etc. sind Aufregung und Meinungsäußerung nötiger denn je. Das muss ich mir nicht einmal selbst sagen, das weiß ich auch so. Ich muss nur noch meinem eigenen Redakteur sagen, dass “vorhersehbar” kein automatisches Argument dagegen ist.

Sonst ende ich noch damit, auf diesen Seiten nur noch unpolitische Tech-Themen aufzuschreiben. Not that there’s anything wrong with it.

Kommentare

Armin Hanisch hat gelesen und per Tweet geantwortet (wie immer zitiert und verlinkt, aber nicht eingebettet wg. Tracker & so…):

Interessanter Gedanke. Ich finde, man kann auch in den zugewachsenen Gassen der Tech-Welt das gesellschaftlich Aufregende finden. IMHO oft sogar aufgrund der Nische pointierter und “aufregender” als die so vorhersehbaren großen Themen, die eh jeder beackert. Just my 0.02€ :-)

Stimmt. Was nicht so naheliegend ist, ist auch nicht unbedingt vorhersehbar. Sollte ich aber hinkriegen.

(Und die Kommentarfunktion via Twitter ist etwas, worüber sich nachzudenken lohnt - nicht automatisiert wg. der Tracker, aber manuell schon…)

Etwas später hat Peter F. mir eine lange Mail als Antwort auf diesen Text geschickt. Hier nur das von allgemeinem Interesse:

Das schaut für mich Aussenstehenden danach aus, als ob Du in einer stabilen Filterblase wohnst und gerade “alles da draussen” aufgezählt hast.

Wie stellst Du eigentlich sicher, dass du in keiner Filterblase feststeckst?

Also: Jeder steckt in einer Filterblase fest, und nicht erst, seit es Social Media und diesen überstrapazierten Ausdruck gibt. Schon immer haben Menschen sich ausgesucht, mit wem sie vertrauensvoll interagieren, welche Quellen sie als vertrauensvoll einschätzen. Und das waren eben je nach Prägung und Werdegang nicht nur die NZZ, konkret und die Tagesschau, sondern auch die Prawda, der Völkische Beobachter oder Lupo Modern. Die in den jeweiligen Quellen dargestellte Wirklichkeit war (und ist) in den seltensten Fällen die selbe. Nächste Frage:

Ich meine, hast du in Deiner Funktion als Journalist keine Angst dass deine Weltsicht/die Eurer peer group mal wieder kräftig zwangskorrigiert wird?

„In meiner Funktion als Journalist“ weiß ich, dass ausnahmslos alle damit rechnen müssen, dazuzulernen und ggf. ihr Weltbild korrigieren zu müssen. Das fällt – wenig überraschend – den einen schwerer als den anderen. Aber „zwangskorrigiert“? Was soll das denn heißen? Verstehe ich nicht. Echt nicht.

Und dann geht die Mail weiter mit dem Vorschlag, sich aus allen Filterblasen zurückzuziehen und so das Leben neu zu entdecken. Was – wenn wir die Existenz von Filterblasen auf Medien alter wie neuer Art begrenzen – für einen Journalisten nicht ganz einfach ist. Denn er lebt schon per Definition in einer medialen Welt, wo es nicht nur einen Output (und ein Putt-putt) gibt, sondern auch Input geben muss. Als Mitarbeiter einer aktuellen Redaktion kommt man eben nicht ganz ohne den Input von Nachrichtenagenturen wie von den eigenen Kollegen aus. Und natürlich bildet auch das eine Filterblase, wenn auch eine – hoffe ich – sachorientierte und von sympathischen Grundwerten geprägte.

Und selbst wenn ich den Job hinschmisse und in dieses Draußen da draußen ginge: Sobald ich einen Menschen sympathisch finde und seine Ansichten zu teilen geneigt bin – Bäm! Schon wieder in einer Gruppe, die filterblasierende Funktion hat.

Konstantin Klein / Konstantin