K[journ]

Konstantin Klein

Irgendwie doch ein Blog. Oder so.

4 Minuten

Ein Vorteil des Älterwerdens bzw. -seins ist ja, dass man schon eine Menge Zeugs (mit-) erlebt hat und nicht alles im Netz nachgucken muss. Leider bringt das Älterwerden auch den Nachteil mit sich, dass man sich nicht an jeden Scheiss mehr erinnern kann und dann doch wieder im Netz nachguckt.

Woran ich mich auch ohne Netz noch recht gut erinnere, sind die zwei Wochen Resturlaub 2019, die ich zwischen Ostern und dem vergangenen Wochenende abfeiern musste (weil eine Verschiebung des Resturlaubs über den 30. April hinaus nur “in absoluten Ausnahmefällen” möglich ist, und dazu gehört so eine Pandemie nun mal nicht). Diesen Urlaub habe ich nicht nur damit verbracht, dieses Blog frisch zu streichen, sondern (u.a.) auch damit, probeweise und gaaanz vorsichtig meine Zwitscherpause zu beenden und mal wieder in meine Twitter-Timeline zu gucken, die ich in den letzten Monaten überwiegend automatisch mit Blogwerbung beliefert hatte.

Schon nach Stunden war mir wieder klar, warum ich die Pause ausgerufen hatte. Es ist dieser Dauerzustand von künstlicher, taktischer und manchmal sogar echter Dauerempörung, den ich in anderen (wenigen) Social Media nicht finde, und der den Aufenthalt in besagten Social Media für ein Sensibelchen wie mich eher unerträglich macht.

Auftritt des Faszinosums

Also habe ich darüber nachgedacht, ob die öffentliche Diskussion immer schon dieses Aufgeregte, Überhitzte, Dauerbeleidigte an sich hatte, das offenbar vor allem mich nervt.

Die Antwort lautet natürlich: Nein. Beim Zurückdenken an große Aufreger in der von mir miterlebten Vergangenheit fällt mir schon so der eine oder andere Fall ein - als erstes der des damaligen Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger, der 1988 nach einer eher nicht so geglückten Rede zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht einen Shitstorm sondershausen erlebte (auch wenn man das damals noch nicht so nannte) und einen Tag später nicht mehr Bundestagspräsident war. Es ist zu vermuten, dass er nicht wusste, wie ihm geschah.

Was die öffentliche Aufgeregtheit schon damals etwas ad absurdum führte: Ein Jahr später, am 9. November 1989, hielt der spätere Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland Ignatz Bubis ebenfalls eine Rede, wiederholte die kritisierten Formulierungen aus der Jenninger-Rede und wurde nicht dafür kritisiert - möglicherweise, weil es außer der unglücklichen Wahl der rhetorischen Instrumente daran wenig bis gar nichts zu kritisieren gab. Das half Jenninger aber nichts mehr.

Denn sie wissen, was sie tun

Fast forward, 30 Jahre oder mehr. Wenn ich im zweiten Absatz dieses Textes meinen Ärger über Social Media bekannt gemacht habe (als wäre das noch nötig), ist das ein wenig ungerecht - aber nur ein ganz klein wenig. Denn natürlich haben nicht Facebook, Twitter & Co. den politischen Diskurs verändert in diesem unseren Internet, sie haben es nur möglich gemacht, dass man nicht mehr Bundestagspräsident sein und auch als rhetorisch Minderbegabter Jahrestagsreden halten muss, um einen Shitstorm zu provozieren.

Was dazu geführt hat, dass rhetorisch, menschlich, intellektuell oder sonstwie Mindestbegabte den Aufreger zum Mittel, oft zum einzigen Mittel ihrer Politik gemacht haben. Ein Beispiel (wie komme ich jetzt darauf?) ist der aktuelle Präsidentendarsteller US-Präsident. Aber mit provozierendem Scheiss, öffentlich vorgetragen, machen ja auch andere Politik (oder zumindest Wirbel): Boris Palmer, Xavier Naidoo, Viktor Orban, die versammelte AfD, you name it (und dass Palmer in dieser zufälligen Aufzählung vorkommt, ist kein Zufall).

Sie alle verbreiten ihren geistigen, intellektuellen und menschlichen Müll in den medialen Echokammern, halten sich so im Gespräch - was offenbar ganz furchtbar wichtig für unterentwickelte Egos ist - und die Meinungsmaschinerie des 21. Jahrhunderts am Laufen.

Das Ego, unterentwickelt

Warum ich die betroffenen Egos gerade “unterentwickelt” genannt habe? Weil vor allem die mit einem u. E. nach Aufmerksamkeit hungern - was mir ja durchaus Recht sein sollte, wenn diese Aufmerksamkeit verdient wäre. Doch tun sich die Shitstormpopulisten weltweit nicht durch geniale oder wenigstens konstruktive Diskussionsbeiträge hervor, sondern durch öde Provokationen, die außer Aufmerksamkeit aber auch gar nichts bringen (auch hier wieder: Trump first!).

Und wenn dann die Scheisse fliegt, dann haben sie es alle nicht so gemeint, sind missverstanden worden, sind Opfer einer Verschwörung oder wenigstens der Regierung, sind Opfer.

Ich weiß ja nicht, aber: Wie finden Amerikaner, Orban-Fans, AfD-Wähler etc. das eigentlich, dass ihre Idole vor allem Opfer sind (oder sich gerne als solche gerieren)? Wollen Amerikaner, Orban-Fans, AfD-Wähler etc. nicht eigentlich viel lieber von einem machtvollen, ähm… Anführer geleitet werden als von Heulsusen, die grundsätzlich immer falsch verstanden werden?

Nein? Weil sie sich mit Heulsusen viel leichter identifizieren können? Ach so. Ja dann.

Ihre Meinung dazu?

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