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Am seidenen Faden #nothread

Und es begab sich aber zu der Zeit, dass einer anhub und in sein Twitter hineinschrub:

Überlege, einen Blogtext über die Unsitte von Twitter-Threads zu schreiben. Könnte ja auch einen Twitter-Thread darüber schreiben, fürchte aber, in weniger als 280 Zeichen damit fertig zu sein.

Schon passiert. #nothread

(Wie immer: zitiert und verlinkt, aber nicht eingebettet, damit Sie sich hier keinen Tracker einfangen.)

Zugegeben: Der Autor der hier zitierten und verlinkten güldenen Worte bin ich selbst, und eigentlich ist mit diesen 220 Anschlägen auch schon alles gesagt. Aber für ein sonntägliches Krückstockgefuchtel sind 220 Zeichen dann auch wieder zu wenig.

Anlass dafür war ein dank der Katastrophe von Suchfunktion nicht mehr auffindbarer Tweet eines englischsprachigen Autoren, der - ebenfalls in 280 characters or less - Twitter-Threads für Unsinn erklärte und auf die Möglichkeit verwies, sich ein Blog aufzusetzen und dort reinzuschreiben, was nicht in einen Tweet passt.

Das ist natürlich einerseits ein lobens- und befolgenswerter Vorschlag, andererseits völliger Quatsch. Zum Aufsetzen eines Blogs gehört auch der Aufbau einer Leserschaft, etwas, das für den jeweiligen Twitteraccount möglicherweise schon erledigt ist. Außerdem sind Blogs ein wenig aus der Mode ge- und zu Marketinginstrumenten verkommen, während Twitter… äh, von solchen Tendenzen natürlich völlig frei ist. Und im Vergleich zum Blog weniger Arbeit macht.

Und trotzdem ist Twitter eben nicht der Platz für längere Gedanken- oder auch gedankenlose Gänge.

Ein Blick zurück

Angefangen hat Twitter mit einer Begrenzung auf 140 Zeichen. Das hatte damit zu tun, dass vor der Entwicklung einer Menge von Twitter-Apps für alle möglichen Plattformen auch die olle SMS als Übermittlungsmedium angedacht (und in bestimmten Ländern umgesetzt) war. Die ist nun auf 160 Zeichen begrenzt, und Twitter reservierte sich davon 20 für Metadaten, vor allem für das Absender-Handle. Deshalb 140 Zeichen.

Das war immer schon arschknapp, und für (um ein völlig zufällig ausgewähltes Beispiel zu nennen) Twitterwunder wie den (damals noch nicht) Präsidenten der USA natürlich die reine Zumutung. Gehört er schließlich zu denen, die schlichte Gedanken gerne in vielen Worten ausdrücken. Weshalb er einfach seine Äußerungen auf mehrere Tweets verteilt, was Stephen Colbert die gerne genutzte Gelegenheit gibt, mit seiner Trump-Stimme Trump-Tweets in seiner Show vorzulesen - die Punktreihen, die signalisieren, dass ein Tweet noch nicht zu Ende ist, inclusive (“Daht, daht, daht, daht – daht, daht, daht, daht”).

Das ist immer für einen Lacher gut. Aber bei Twitters zuhause guckte man sich das an und stellte fest, dass Menschen sich nicht immer auf 140 Zeichen beschränken lassen (und Donald J. T. auch nicht). Die Lösung: Eine Verdopplung der Zeichenzahl auf 280 - weil das mit der SMS ja sowieso nie wirklich was war.

Und wie das so ist: Wer in eine größere Wohnung umzieht, wird sie nach zwei Jahren ebenfalls zu klein finden. Weshalb Twitter auf die an sich kluge Idee kam, Twitter-Threads anzubieten. Leider war diese Idee nur an sich klug, aber nicht wirklich, weil - und das bringt mich zum oben erwähnten Krückstockschütteln - Twitter das technisch suboptimal umgesetzt hat. Wohl um die Sache einfach zu gestalten, nützt ein Thread-Schreiber schlicht die Antwort-Funktion von Twitter - und damit kann Twitter den Unterschied zwischen den einzelnen Teilen eines Threads und echten Antworten von Lesern nicht zuverlässig erkennen und sortiert alles wie in einer Kommentardiskussion. Wenn dann ein Teil des Threads eine heftige Diskussion hervorruft, dann stehen alle Beiträge dazu mitten im Thread - was das Leseerlebnis nicht befördert. (Zu diesem Problem gleich mehr im Kommentar.)

Stichwort “Leseerlebnis”: Ein längerer Text (hier spricht der hauptberufliche Textschmied) möchte auch gegliedert sein - und nicht unbedingt in mehr oder weniger gleich lange Trümmer von 280 Zeichen or less, sondern dem Sinn und auch dem Rhythmus des Textes nach. Längere Texte in 280-Zeichen-Einheiten zu lesen, finde ich sehr anstrengend - und lasse es lieber.

Alternativen

Och, da gibt’s viele. Der Mensch könnte seine längeren Texte auch auf Facebook ablagern, was den Vorteil hätte, dass ich sie gar nicht erst zu Gesicht bekäme. Er oder sie könnte auch eine Plattform wie das kürzlich verkaufte und möglicherweise wiederzubelebende tumblr wählen, wenn ihm oder ihr Facebook zu bäh und ein eigenes Blog zuviel Arbeit ist. Und er könnte - wie ich es hier und heute vormache - einen Blogeintrag auf der Basis eines Tweets schreiben und diesen Eintrag dann wieder auf Twitter verlinken. Meta, eben.

Aber, um es kurz zu fassen: Twitter-Threads - arge Unsitte, das!

Kommentar

Wenn es sowas wie Leser nicht gäbe. Peter von I. weist mich zu Recht darauf hin, dass es für das Problem der dazwischengrätschenden Kommentare eine Twitter-eigene Lösung gibt, beschrieben hier:

Type your first tweet as usual.
Select the blue + icon in the lower-right corner.
Type your second tweet.

Klingt für einen Nicht-Nutzer wie mich ziemlich naheliegend. Ist es aber offenbar nicht, sonst gäbe es das oben beschriebene Problem nicht.

Und natürlich bleibt das Problem mit dem grob in 280-Zeichen-Blöcke gehackten, nicht wirklich strukturierten Text.

Konstantin Klein / Konstantin