Not Abbey Road

A Record

Geschieht mir Recht. Was bin ich auch so unmusikalisch? (Cpt. Renault, Casablanca)

Auch an Weihnachten taten meine Eltern damals, im letzten Jahrtausend, gerne etwas für meine Bildung. Und so fand ich neben all dem nutzlosen Kram, den ich auf einen sog. „Wunschzettel“ geschrieben hatte, immer wieder auch unerwartete Dinge, Bücher und sog. Schallplatten auf dem Gabentisch; wer nicht weiß, was das ist, liest bitte im verlinkten Wikipedia-Artikel nach; mein Bildungsauftrag hier hat Grenzen. So kam ich zu meiner (einzigen) Platte von Art Blakey, mit dem ich im späten Kindesalter leider noch nicht so viel anfangen konnte, aber auch eine Platte mit Auschnitten aus der Odyssee, gesprochen von Mathias Wieman, der mir den ollen Homer näher brachte, als es die Griechischlehrer in der Schule vermochten (‚tschuldigen schon, die Herren!). Aber einmal, vor 50 Jahren, also vor Weihnachten 1970, stand eine ganz bestimmte Platte auf meinen Wunschzettel, und die Freude war groß, als ich sie wirklich bekam.

Es ist fast 50 Jahre her, dass ich mit zwölf Jahren zum ersten Mal Abbey Road hörte. Ich will nicht behaupten, dass „es mich wie ein Blitz getroffen“ habe, oder ähnlichen Quatsch; dass ich da aber ganz besondere Musik hörte, war mir sofort klar. Natürlich spielten die Beatles in den späten 60er Jahren ganz allgemein eine prägende Rolle, und sei es, dass einem der eigene (Nicht-) Haarschnitt von verständnislosen Menschen als Beatlesfrisur vorgeworfen wurde. Aber die Musik der Beatles war eben da; man hörte sie im Radio, auf Parties (wobei ich mir nicht sicher bin, ob wir das damals so nannten) – und sogar zuhause, denn meine Mutter (Jahrgang 1920!) liebte die Beatles sehr. (Ihr mopste ich später – wohl mit ihrem Wissen – das Weiße Album, sogar eines aus der durchnumerierten Auflage!)

Mit Abbey Road (Amazon-Link – vielleicht braucht jemand ja noch ein Weihnachtsgeschenk) war das anders. Das war Musik, die in meinem Kopf spielte, wenn mir danach war; „Come together“ oder „You never give me your money“ halfen mir über lange Autofahrten mit meinem Vater hinweg, der Autoradios hasste und mit Leidenschaft ausgeschaltet ließ. Das war Musik, die auch blieb, wenn ich durch irgendwelche, im Nachhinein schwer erklärbare Phasen ging (Benny Goodman – nun ja. Aber Bananarama? Depeche Mode?? Jon & Vangelis???). Die Abbey Road war immer da. Und sie war immer ein Erlebnis.

OK, das ist jetzt fünfzig Jahre her. Wenn ich die Platte von damals noch hätte, würde mir das Anhören wohl wehtun – ich habe sie so oft abgespielt, dass ich schon nach vielleicht fünf Jahren einen unzerkratzten Ersatz kaufte. Und dann die erste CD. Und dann noch eine, und als ein rücksichtsloser Mensch die ohne Hülle ins Handschuhfach warf, noch eine. Dann kam noch die „Remastered“-Gesamtausgabe aus den 2000er Jahren dazu. Und weil ich heute (außer auf dem DVD-Player am Fernseher) keine CDs mehr abspielen kann, höre ich jetzt gerade, in diesem Augenblick „Here comes the sun“ via Spotify über meine Airpods. Und immer noch, fünfzig Jahre später, geht mir die Musik dorthin, wo Musik (siehe das Zitat am Anfang des Textes) bei mir normalerweise nicht hinkommt.

Ein Klassiker. Mein Klassiker.

Kommentar

Und während ich noch versuche, nach der Katastrophe von gestern mein GitHub-Setup in Windows nachzubauen (nicht einfach, das!), meldet sich Peter van I. mit einem langen Kommentar, aus dem ich nur zwei, drei Absätze zitieren will:

[…] As a child of the fifties, I listen at home to what my parents listened to on the radio, and what stayed with me from those early memories is what I heard via American Forces Network radio (broadcasting from Germany). Think of all the great and well known American artists from the pre-pop and pre-rock era. Then came my early puberty which coincided with the rapid rise to prominence of The Beatles and The (Rolling) Stones et al. Wonderful times! I bought my first 45 rpm single (to be played on the Braun record player of my older brother) but then fell hard for The Stones. That early love has lasted a lifetime and they’re still my favourite band of all time. Incompatibility with The Beatles was taken for granted at the time: you couldn’t like both and had to choose. […]

Stimmt. Ich habe die Stones auch erst später für mich entdeckt, aber die Beatles blieben wichtiger für mich.

[…] And (long) before that, I’d discovered the joys that are the perhaps acquired tastes of gothic and symphonic metal. Female-fronted is a prerequisite, as I don’t care much for the aggressiveness that is projected by all-male metal bands. Example: Nightwish – now rated immediately below The Stones on my list of best bands of all time. Who would’ve thought?

And, most recently, the absolute awesomeness of all-female Japanese metal bands, in particular the mind-blowingly impressive performances of the band Lovebites. The fact that I’ve ordered their latest DVD from Japan a few weeks ago tells you a story. About an old man who couldn’t help himself but pen this little exposé on his love for music. Triggered by reading yours just now.

Aber hallo. „all-female Japanese metal bands“ – da ist für uns ja noch einiges zu entdecken.

Und wenn wir schon bei später entwickelten Vorlieben (und bei Metal) sind: Eine meiner nur wenigen jemals eingestandene Vorlieben ist die für die Musik von Blue Öyster Cult, der „Heavy-Metal-Band der Intellektuellen“ (kicher!), wie der anonyme Wikipedia-Autor schreibt. Ist schon eine Weile her, aber kommt immer noch in meinen Playlists vor.

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