Politische Evolution

Es war einmal ein junger Mann, der empfand den Staat, in dem er lebte, als ungerecht. Er dachte viel darüber nach, wie das System zu ändern wäre. Er fand es unmöglich, dass ein ehemaliger Nazi Bundespräsident war. Er diskutierte tage- und nächtelang (obwohl ihm Diskussionen gelegentlich wie verschwendete Zeit vorkamen). Er hatte so seine Probleme damit, die Aufregung um den Brief des selbsternannten „Göttinger Mescalero“ zu verstehen – schliesslich hat der Mescalero Gewalt als ungeeignetes politisches Mittel abgelehnt. Und Gewalt kam für den jungen Mann nicht in Frage – obwohl man manchmal schon einfach zuhauen können wollte.

Der junge Mann wurde älter. Er entdeckte, dass man im System eigentlich ganz bequem leben konnte. Er wurde Teil des Systems. Er wurde dicker, neigte dazu, sich in bequeme Stühle zu fläzen und von dort aus bissige Bemerkungen über den Lauf der Welt zu machen. Diese bissigen Bemerkungen machten ihn nicht überall beliebter, sorgten aber einerseits für ein wirtschaftliches Fortkommen, andererseits dafür, dass der nicht mehr ganz so junge Mann sich in seiner Rolle ganz wohl fühlte.

Ach ja, und der nicht mehr ganz so junge Mann kam zu der Erkenntnis, dass das System am Ende vielleicht doch nicht umgeworfen gehörte.

Tja. Und heute abend sitzt dieser nicht mehr ganz so junge Mann in Washington. Und ist vor allem unheimlich erstaunt darüber, dass ein anderer nicht mehr junger Mann, der in seiner Jugend sehr viel lauter und radikaler gewesen war, inzwischen öffentlich behauptet, man habe die militärischen Aktionen eines Verbündeten eben einfach nicht zu kritisieren, unter anderem, weil dieser Verbündete immerhin „unter sehr schwierigen Umständen“ im Interesse von Minderheiten handele.

A-ha. „…haben wir nicht zu kritisieren“. Soso. Ja, ja. Hm-hm.

Ein Denkverbot. Ob das schon das Ende der politischen Entwicklung des Joschka F. ist?