Politik, verdrossen

Schon öfter, wenn nicht gar oft habe ich mich an dieser und anderen Stellen im Netz dabei erwischen lassen, gehässige Bemerkungen über den Vorsitzenden der Freien Demokratischen Partei, den Anwalt Dr. Guido Westerwelle, sowie über seine Partei als solche fallen zu lassen. Nun mag es immer für einen leichten Lacher gut sein, in irgendeinem weit hergeholten Zusammenhang „Westerwelle“ zu schreiben. Mein Verhältnis zu Westerwelle und seiner Partei ist jedoch ein wenig komplizierter.

Zum einen habe ich große Schwierigkeiten, den Bedarf an einer Partei zu erkennen, deren einziger Zweck die Verteidigung der Besserverdienenden ist. Nun haben die Liberalen es schon bitter bereut, sich selbst als die Partei der B. bezeichnet zu haben, und man sollte es ihnen deshalb nicht mehr vorwerfen. Nur scheint – aus allen Äußerungen des Parteivorsitzenden glaube ich das entnehmen zu dürfen – ihnen nur die Verwendung des Begriffes „Besserverdienende“ leid zu tun, nicht jedoch die Fokussierung, nein: politische Selbstbeschränkung auf die Interessen derer, die mit dem Begriff gemeint sind.

Oder anders ausgedrückt: Von einer Partei, die keine Splitterpartei sein will, erwarte ich in der täglichen politischen Arbeit einfach mehr als nur die Verteidigung des mittelständischen Besitzstandes.

Zum zweiten stört mich das fast schon krampfhafte Festhalten an der CDU als Koalitionspartner. Ich weiß nun, alt genug bin ich ja, woher dieses Verhalten kommt: Zweimal hat die FDP ihren Stammpartner gewechselt, 1969 und 1981, und wurde beide Mal übel als „Umfallerpartei“ geschmäht. Aber das war im Westdeutschland der drei Parteien. Die Zeiten haben sich geändert, die Mehrheitsverhältnisse erst recht, und so ist die Festlegung auf das Dasein als Mittelstands-Kopie der Union ein wenig unflexibel zu nennen.

Immerhin hat auch die FDP das erkannt und will es nicht mehr als in Stein gehauen verstehen. Doll.

(Und unwillig gibt man ja sogar zu, dass das Verharren der FDP auf ihrem Dasein als Mini-Union mit eingeschränktem Themenbereich letztendlich nur von Konsequenz und Treue zur eigenen Marke zeugt, so überholt beides sein mag.)

Drittens – aber das ist wohl einfach das Schicksal einer Oppositionspartei, die außer Öffentlichkeits- im Grunde wenig Arbeit zu leisten hat – nervt mich das schachterlteufelhafte Auftauchen des Dr. Westerwelle immer dann, wenn ihn keiner gefragt hat.

Und viertens finde ich es einfach schade, dass in der politischen Welt der heutigen FDP Thomas Dehler, Theodor Heuss, Burkhard Hirsch und Gerhart Baum eine weitaus geringere Rolle spielen als die Herren Kubicki, Westerwelle und Niebel. Aber dieser. sagen wir: Formatwandel im Laufe der Zeit (das war doch noch freundlich formuliert, oder?) beschränkt sich leider nicht auf die FDP. Womit wir schon fast wieder beim Thema meines letzten Politik-Rants wären.

(Disclaimer: Ich war in den siebziger Jahren – u.a. wegen Burkhard Hirsch und Gerhart Baum und deren Politik – selbst Mitglied der FDP und habe den Rechtsschwenk unter Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff nie so recht verwunden. Und deshalb werden Dr. Westerwelle und seine Freunde es bei mir immer schwer haben.)

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