Politik, deutsche!

I’m speechless. Speechless! I have no speech. (George Costanza, zit. n. WikiSein)

Regelmäßige Leser haben es sicher schon festgestellt: es gab nichts zu lesen an dieser Stelle in den letzten Tagen. Das lag nicht daran, dass es nichts zu sagen gäbe über die angebliche oder wirkliche Ahnungslosigkeit unserer Bundesregierung in Sachen Prism, Tempora & Co., über die Sache mit einem Prism oder zwei, und welcher Minister nun wofür zuständig ist, über die offenbar echte Verblüffung mehr oder weniger führender sog. Sicherheitspolitiker darüber, wie WWW (wir haben es ja erst seit 20 Jahren…) und Email (noch viel länger) funktionieren, über die Wurschtigkeit und Luschigkeit, die unsere Kanzlerin in dieser Sache demonstriert, aber auch über das Nichtsgewussthabenwollen früherer Regierungs- und Mitregierungsparteien…

Über all das gibt es mehr als genug zu sagen, nur eben nicht hier, weil: s.o. Ich bin buchstäblich sprachlos.

Ob es die Erkenntnis ist, dass offenbar weltweit Meinungs- und Gedankenfreiheit abgeschafft („Shtonk!“) wurden, ohne dass wir es gemerkt haben, dass die Privatsphäre abgeschafft („Shtonk!“) wurde, das Recht auf Unverletzlichkeit der eigenen Wohnung und das auf informationelle Selbstbestimmung („Shtonk, Shtonk!“), und das mit dem Verweis auf ein angebliches „Supergrundrecht“ (geht’s noch alberner, Herr Minister?), oder ob es die Erkenntnis ist, dass auf einmal im Grunde alle bisher halbwegs wählbaren Parteien und Politiker mit einem Schlag unwählbar geworden sind – ich bin sowas von sprachlos. Sprachlos vor Wut.

Die Wut hat damit zu tun, dass ich mir auf die real existierende Demokratie westlicher Prägung immer etwas eingebildet hatte, dass ich diese Demokratie mit all ihren Rechten und Pflichten gegenüber Andersdenkenden lang und breit verteidigt habe, dass ich mich in einer Reihe von Radio-Talksendungen (ist schon eine Weile her, mich lässt ja keiner mehr auf den Sender…) – nachträglich gesehen – zum Vollhorst gemacht habe, wenn ich politikverdrossenen Anrufern die Segnungen selbiger Demokratie gepredigt habe. Ja. Ich bin stinksauer.

Und ich bin ratlos. Denn am 22. September ist Bundestagswahl. Und es kommt für mich überhaupt nicht in Frage, nicht zur Wahl zu gehen, ganz im Gegenteil: Weil ich zunehmend das Gefühl habe, dieser Demokratie etwas genauer auf die Finger gucken zu müssen, habe ich mich diesmal sogar als Wahlhelfer zur Verfügung gestellt – mal sehen, ob die mich nehmen.

Wahl ist also – aber wen soll ich wählen, bitteschön? Von denen, die sich in den letzten Tagen vor bundesdeutschen Kameras zum Thema No. 1 geäußert haben, kommt für mich nur noch Christian Ströbele in Frage, der zumindest ein klein wenig Bewußtsein für die Fehler seiner Partei in Sicherheits- und Überwachungsfragen gezeigt hat. Aber direkt kann ich ihn nicht wählen ohne Umzug, und ich fürchte, weder er noch ich werden wegen dieser Wahl umziehen. Und seine Partei – nun ja…

Piraten?

Wer hier immer noch mitliest, weiß, dass ich vor Jahren selbst kurzzeitig Pirat war, an dieser Stelle auch schon Wahlaufrufe für die Piraten veröffentlich habe (Suche ist zwecklos – ist alles beim Neustart im April 2012 ins Privatarchiv gewandert), dass ich seither aber die Unfähigkeit der Piraten am kritisieren am bin, von ihrer Unfähigkeit der Abgrenzung nach rechts über die Unfähigkeit, miteinander auch nur halbwegs anständig umzugehen, bis hin zur Unfähigkeit, im aktuellen Brouhaha um die Abhörerei ihre Positionen angemessen hörbar zu machen. Und komme mir jetzt keiner mit der Verschwörung der bösen Massenmedien, die die Piraten totschweigen würden! Zu erfolgreicher Pressearbeit gehört nicht nur das Verbreiten von Pressemitteilungen; dazu gehört auch und vor allem gute Kontaktarbeit. Dann klappt’s auch mit dem Nachbarn der medialen Öffentlichkeit. Aye!

OK, die Piraten kriegen hier und anderswo von mir also regelmäßig ihr Fett weg. Aber…

Politik, deutsche, und vor allem ihre Vertreter in der Praxis (auch „Politiker“ genannt)! An euch richtet sich dieser Appell. Denn wenn ihr zu der eben nicht einfach hinzunehmenden Art, wie mit uns und unseren Daten umgegangen wird, nicht bald vernünftige Antworten, Alternativen und Handlungsvorschläge entwickelt (und ich bin mir ziemlich sicher, dass das nichts wird, weil ihr alle, von der Linken bis zur CSU, viel zu tief in der etablierten Art der Staatenlenkerei, Horchanlagen, Schlapphüte und Plattfüße inklusive, verwurzelt seid), dann… dann…

…dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als das geringste Übel zu wählen. Das mit dem kindischen Namen, der unreifen Art des Umgangs miteinander und mit anderen, und mit der Einsicht und Fachkenntnis, die euch anderen offensichtlich komplett abgeht. Aye!

2 Gedanken zu „Politik, deutsche!“

  1. Wenn man sich die sogenannten Wahlprognosen, die einem jetzt immer wieder und immer öfter entgegen geschleudert werden, ansieht,wird mir immer öfter speiübel, insbesondere wenn Innenminister und Bundeskanzlerin von irgendwelchen Rechten und Gesetzen faseln!
    Ich halte diese Menschen eigentlich nicht für dumm, habe da aber immer öfter so meine Zweifel!
    Und denen, die unser Land besonders gut zerstört haben, das waren die Sozialdemokraten, höre ich schon gar nicht mehr zu, es sind eh nur alles Lügen, die von dort verbreitet werden.
    Zu den Piraten bleibt nicht mehr viel zu sagen, das hast du eigentlich schon getan, allerdings möchte ich noch etwas ergänzen: Ihr Verständnis und ihre Haltung zu Liberalen/Neoliberalen Ansätzen, entsprechen der FDP.
    Da hilft auch wenig, dass andauernde Neudefinieren dieses Begriffs, bei dem immer das selbe menschenverachtende Weltbild zu Tage kommt, eben nur immer wieder anders formuliert.
    Deshalb, traue ich den Piraten nicht zu, auch nur irgendetwas wirklich zu ändern, und unser Land und unsere Gesellschaft auf einen besseren Weg zu bringen.
    Das kann man immer wieder in den verschiedenen Blogs von Piraten sehen, die sich eigentlich immer nur an die zukünftige „Gesellschaftliche Elite“ wendet, welche dann auch entsprechend arrogant und überheblich auftreten, also an junge Leute, welche studieren oder einen entsprechenden Studienabschluss haben. Besonders rühmen sie sich mit ihrem angeblichen Expertenwissen in der IT, dabei haben die meisten von ihnen nur einen fremdgehosteten Blog, weil sie zu mehr nicht in der Lage sind. Und wenn man dann noch sieht, welcher Plattformen sie sich bedienen, wie Facebook, Twitter, ect. fällt mir dazu nichts mehr ein, denn dies zeugt nicht von viel Sachverstand, sondern nur dem Hinterherrennen irgend eines Hypes. Die Personen/Gesellschaftsgruppe die von den Piraten damit angesprochen werden, stellen doch nur eine kleine Randgruppe dar, die auch noch in der Minderheit ist. Die Piraten denken noch nicht ein mal an die Menschen, die sich nicht auf diesem Bildungsniveau/Gesellschaftsniveau befinden. Da hilft es auch nicht, wenn man mal auf Parteitagen etwas von bedingungslosem Grundeinkommen sinniert. Dies kann man an diesem Blogartikel sehr schön sehen: http://kattascha.de/?p=1116 besonders in den Kommentaren.
    So das war es von mir heute, ich bin schon wieder in Rage.

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