Routinesache

Weihnachten
Old-fashioned Weihnachten

Machen wir uns nichts vor: Früh- oder auch spätkindliche Prägungen halten lange. Wie man die kerzenglänzendsten Tage des Jahres als Kind verbracht hat, so will man – von rebellischen oder chaotischen Phasen mal abgesehen – sie auch später im Leben verbringen. Wenn zwei sich zusammenfinden, finden sich auch die jeweiligen Festtags-Traditionen zusammen und bilden ein neues Feiertags-Template, das dann dem evtl. dazugekommenen Nachwuchs ins Hirn gebrannt wird zur gefälligen Bewahrung und Weitergabe. Und wenn anderswo früher dreimal mehr Lametta war: In der Familie Klein in München-Schwabing gab es das nur einmal, geriet mit einer der Kerzen in Konflikt und wurde nicht mehr eingeladen – und deshalb gibt es auch jetzt noch nicht wieder Lametta (siehe Symbolbild).

Im Überblick muss ich aber feststellen: Sobald das System „Familie“ nicht involviert ist – oder aus Gründen auf Platz zwei der Prioritätenliste rutscht -, erodiert das persönliche Traditions-Set ganz schnell und ganz gewaltig. So habe ich mich beispielsweise für einen Beruf entschieden, der 365 Tage im Jahr, 24 Stunden pro Tag ausgeübt werden kann und leider auch muss, und weil Feiertagsdienste nicht immer nur was für die anderen sind und Familienverhältnisse unterschiedlich stabil, ist es auch schon vorgekommen, dass ich die sog. Heilige Nacht in einem Flugzeug (immerhin zur Familie) verbracht habe, in einem Hotelzimmer oder auch auf Krankenhausgängen.

Ein rudimentäres, nicht verhandelbares Grundset bleibt aber. Dazu gehört bei mir nicht unbedingt ein Weihnachtsbaum (siehe Symbolbild) und schon gar kein Feuerwerk nebst angeschlossenem Sektsuff an Silvester. Dazu gehört aber ein möglichst selbstgebratener, größerer Vogel (Fremdbratung ist zulässig!), Lebkuchen und Kitschfilme an Weihnachten, und dazu gehört das Doppelset Neujahrskonzert und Neujahrsskispringen an, nun ja: Neujahr.

Zu den zuverlässigsten Kindheitserinnerungen gehört, mit einem Lieblings-Weihnachtsgeschenk auf den Knien vor dem Schwarzweiß-Fernseher zu sitzen und zuzugucken, wie zuerst Willi Boskovsky die Wiener Philharmoniker dirigiert (damals laaangweilig: die Balletteinlagen!) und sich danach wagemutige Sportler auf die Fresse legen in die Lüfte schwingen. Dazu gab es selbstgemachten Rindfleisch-Ei-Salat und (s.o.) Lebkuchen.

Der Fernseher ist seit langem farbtauglich und seit einigen Jahren HD-fähig. Das Rezept für den Salat haben die Zeitläufte verschlungen, so wie ich früher den Salat. Und in diesem Jahr (bzw. eigentlich ja im nächsten, weil Neu-Jahr, verstehen S‘ scho, gell?) wird der Fernseher sogar sehr groß sein, viele einlaufende Videosignale gleichzeitig zeigen, aber in einer Ecke eben auch das Konzert und das Skispringen. Ich habe für den Neujahrs-Frühdienst keinen anderen als mich selbst gefunden, und so werde ich am Neujahrsmorgen mittelschwer zerknittert in einer Nachrichtenredaktion sitzen, Kopfhörer tragen und heimlich hingucken zu Konzert und Springen.

Und einen Lebkuchen essen. Oder zwei.