No Sex, just Lies and Videotape

Aus verwandtschaftlichern Gründen bin ich in einem Mailverteiler zur Verbreitung republikanischer (wie in John McCain und – seufz – Sarah Palin, nicht wie in deutsche Rechtsradikale), sagen wir: Inhalte. Von diesem Verteiler habe ich mich schon mehrfach herunternehmen lassen, aber wie das eben so ist mit Menschen mit einer Mission: Bei mir landet doch immer wieder Mail, die mit dem gegenwärtigen Präsidenten der US of A nicht soviel anfangen kann.

Ist weiter auch kein Problem: Wozu gibt es schließlich Mailfilter?

Ab und zu gucke ich aber doch in den Papierkorb, um nachzusehen, was ich mir sonst so erspart habe; die Sache kann auch Unterhaltungswert haben. Finde ich heute also eine Mail mit dem Inhalt, dass in den USA auf Staatskosten cell phones, also das, was der Deutsche so gerne Handies (oder noch lieber: „Handys“) nennt, an Sozialhilfeempfänger verteilt werden:

SafeLink Wireless is a government supported program that provides a free cell phone and airtime each month for income-eligible customers. In other words, your tax dollars are being distributed to a wireless phone provider to provide welfare recipients with free cell phones and airtime.I don’t know about you, but as for me, enough is enough. We are $14 Trillion in debt, Congress is balking at continuing unemployment payments to those who want to work, and Congress is increasing the dole-out to dead beats.

Und im weiteren Verlauf wird dieses Programm hämisch als „Obama-Phone“ bezeichnet. Da sieht man wieder, was man davon hat, wenn nicht ein angry white man das Sagen im Land hat, right?

Wrong.

Denn ein klein wenig Recherche (hier, hier oder auch auf der Seite des Programms selbst) fördert zutage, dass die Website schon 2008 registriert wurde, als, na, wer? Richtig: ein gewisser George W. Bush Chef im Weißen Haus war. Finanziert wird das Programm nicht aus Steuergeldern, sondern von den amerikanischen Telefongesellschaften. Was aber noch viel schöner ist: Die ganze Sache geht zurück auf eine Initiative der Reagan-Regierung, also der, die für einen weißen Republikaner (gibt’s auch andere? Doch, ja…) den politischen Himmel auf Erden darstellte.

Als gefühlter Halbamerikaner mache ich mir große Sorgen um den Zustand der politischen Debattenkultur in dem Land mit mehr als 200 Jahren Demokratiegeschichte. Mit dieser Debattenkultur geht es schon seit der zweiten Hälfte der 90er Jahre, spätestens seit der Wiederwahl Bill Clintons, steil bergab. Doch was Sarah Palin, die Tea Party, Fox News und – im kleineren Maßstab – Mailverteiler wie der oben erwähnte der politischen Hygiene in den US of A antun, ist mit Sex, Lies and Videotape (minus Sex) gut zusammengefasst, und es ist eine Katastrophe für die Demokratie. Andererseits – und das sollte die US-Demokraten eigentlich freuen – kann es doch nicht so schwer sein, einen politischen Gegner zu demaskieren, dessen Unwahrheiten mit zwei Mausklicks und ein wenig Recherche bei Google aufzudecken sind.

Was lernt uns das?

Uns geht’s noch gold. Denn wir werden mit hochwertigen, nicht ganz so einfach zu wiederlegenden, gelegentlich sogar wie die reine Wahrheit daherkommenden Unwahrheiten auf den politischen Arm genommen. 1a-Qualitätslügen, sozusagen.

Fühle mich ernstgenommen.