Nein Eleven

(Es folgt ein eher unjournalistischer Text)

Diejenigen unter Ihnen, die schon vor fünf Jahren so freundlich waren und hier vorbeisahen, wissen es. Allen anderen will ich auch nicht zu lange damit auf den Nerv gehen. Deshalb nur kurz die Vorgeschichte:

Vor zehn Jahren lebte und arbeitete ich als freier TV-Korrespondent in Washington, DC. Am 11. September sah ich eine große schwarze Rauchwolke über dem Pentagon aufsteigen, als ich, von der Heimatredaktion alarmiert, ins Büro meine Hauptauftraggebers (und heutigen Arbeitgebers), der Deutschen Welle, fuhr. Was folgte, waren Tagen und Wochen im journalistischen crisis mode, einem Zustand, der sich vor allem durch die Fähigkeit zu sehr langen Einsätzen und zu einer Abschottung des nicht-professionellen Ich von den Ereignissen auszeichnet, über die das professionelle Ich zu berichten hat. Nicht nur ich kenne diesen Modus, in den ein Journalist nahezu automatisch umschaltet.

Auch in den Monaten und Jahren danach musste ich mich immer wieder mit 9/11 beschäftigen, und der Schutzwall um das persönliche Ich hielt. Er hielt lange, bis ich vor ein paar Jahren abends im Bett „Falling Man“ (kein Amazon-Link) des amerikanischen Autors Don DeLillo zu lesen begann und zum Entsetzen meiner Frau in Tränen ausbrach.

Bis heute habe ich es nicht wieder geschafft, mich länger als ein paar Minuten mit dem 11. September zu beschäftigen. An diesem Wochenende werde ich um all die Gedächtnisdokus im Fernsehen herumnavigieren – und bin froh, dass keiner meiner Chefs auf die Idee gekommen ist, mich mit einem Erinnerungsstück zu beauftragen. Ich hätte es wohl nicht geschafft.

Seit dem 11. September 2001 ist die Welt eine andere. Seitdem ist Terror, vor allem der nur vermutete, die Allzweckerklärung für alle Einschränkungen von Demokratie, Bürgerrechten und Freiheit. Seitdem wird Politik knallhart mit der Angst der Menschen gemacht, und wenn sie keine haben, wird sie ihnen eben eingejagt, die Angst. Seitdem ist das 3. Jahrtausend nach der Geburt eines mehr oder weniger historischen Religionsgründers nicht die strahlende Zukunft mehr, die wir uns noch zum Jahrtausendfeuerwerk erträumt haben (für die einen am 1.1.2000, für notorische Besserwisser am 1.1.2001).

Beim ersten Telefonat, zu dem ich am 11. September Zeit fand, sagte mir meine erste Frau, die sich zu der Zeit in Europa aufhielt: „Jetzt haben sie uns unser Amerika kaputtgemacht.“ Ich habe es ihr damals nicht geglaubt. Inzwischen weiß ich: Sie hatte Recht. Sie – wer auch immer das letztendlich war – haben uns nicht nur unser Amerika kaputtgemacht, sondern eine ganz Menge mehr. Ich lese immer noch täglich Artikel über US-Politik, vor allem die Innenpolitik der US of A, und ich bin entsetzt vom Verfall der politischen Kultur in diesem urdemokratischen Land. Dieser Verfall hatte sich zwar schon in den Jahren zuvor angekündigt, doch seit dem Herbst des Jahres 2001 sind „Terror“, „Sicherheit“ und – in den ganz rechten Kreisen auch „Islam“ (nein, nicht „Islamismus“, „Islam“!) Wörter, mit denen jede halbwegs sinnvolle politische Auseinandersetzung schlagartig beendet ist.

Und auch in diesem unseren Lande ist es nicht viel anders. Aus einer offenen, hoffnungsvollen Gesellschaft ist eine angstvolle, bornierte, chauvinistische Gesellschaft geworden.

Und in dieser Hinsicht, ja, haben die Terroristen gewonnen (um hier eines der dämlichsten Argument der Regierung Bush 2 noch ein letztes Mal zu zitieren).

16 Gedanken zu „Nein Eleven“

  1. Lieber Konstantin Klein,

    ein schöner Text. Danke.
    Nur das Ende, Ihre Conclusio, finde ich etwas mau und beißt sich etwas mit der einfühlsamen und smarten Einführung.
    Wie gesagt, Ihre Reprise: Wann waren “wir“ denn eine wirklich “offene und hoffnungsvolle Gesellschaft“?
    Das “angstvolle, bornierte und chauvinistische“ in all seinen Schattierungen und Ausprägungen hat es doch schon immer gegeben. Oder?
    Was in Deutschland sichtbar geworden ist, ist eine Eiterbeule an Heuchelei:
    “Die Amis – und nur wegen dem Öl“ usw. usf.
    Im Zusammenhang mit Frau Merkels Ehrlichkeitsanfall, im Rahmen der Beschaffung der schweizer Steuer-CD, fiel mir nur ein, daß “wir“ beim Verkauf von S-Klassen in Moskau keinen Ehrlichkeitsnachweis vom Käufer fordern.
    Oder Porsches nur noch in Riad verticken, wenn der Käufer “uns“ bestätigt, daß er seine Frau nicht schlägt und seine pakistanischen Bediensteten ordentlich behandelt.
    Machen wir nicht?! Na sowas. Warum auch!? Dann könnte der Waldorfkindergarten in Böblingen mitsamt der Stuttgarter Oper dicht machen.
    Oder haben Sie etwa mitbekommen, dass die Friedensbewegten Grünen in BW, jetzt wo sie an der Macht sind, die Gewinne von Heckler&Koch direkt an Brot für die Welt
    spenden?
    Nein? Na sowas!

    • Waren wir eine „offene, einfühlsame Gesellschaft“? Ich meine, nach dem Ende des Kalten Krieges weltweit und zu Beginn einer Phase des bis dahin noch nicht gesehenen Wohlstandes auf beiden Seiten des Atlantiks waren wir zumindest auf dem richtigen Weg und einer solchen Gesellschaft so nahe wie eigentlich nie zuvor, als uns der 11. September zurückwarf.

      Ich hatte die Jahre vor dem und um den Jahrtausendwechsel jedenfalls so empfunden.

      Dass wir dieses Ziel noch lange nicht erreicht hatten, versteht sich von selbst; trotzdem danke für den Hinweis darauf. Wenn wir schon so weit gewesen wären, hätten wir jegliche Politik schon aufgeben und uns ganz den philosophischen Fragen des Daseins widmen können.

      • Hm? Bei was soll uns 9/11 zurückgeworfen haben?
        Es gab vorher differenziert denkende Menschen und danach auch.
        Es ist sicherlich kein Rückschritt, daß die Amerika- und Israelhasser mit ihrem Inside-Job Gebabbel usw. aus der Deckung gekommen sind.
        Es gibt mehr Klarheit – auch bei denen, die 9/11 als Islamproblem deklarieren wollen.

  2. Dieser sich sehr angenehm zu lesende Text hätte die aufgegriffenen Gedankengänge noch über einige weitere Seiten ausführen können.
    (-:

    • Das hätte er (und wird er vielleicht noch, zum Beispiel in dieser Diskussion). Aber schon beim Schreiben ist mir aufgefallen, wie schwer mir immer noch die Beschäftigung mit dieser Materie fällt. Ich fürchte, es handelt sich hier um ein Trauma meines Lebens – und dabei habe ich, anders als viele New Yorker und Washingtonians, an diesem Tag niemand verloren und musste auch nur eine begrenzte Zeit lang Angst um Verwandte und Freunde haben.

      Vielleicht ist gerade dieser Diskussionsfaden, zu dem schließlich jeder beitragen kann, der richtige Ort, um den Beitrag fortzuschreiben.

  3. Eine ORF2 Doku, die viele offene Fragen aufwirft. Jeder kannd daraus seine Rückschlüsse ziehen oder auch nicht:
    [Link entfernt – siehe Kommentar dazu]

    • Wie ich schon sagte: Ich schaffe es immer noch nicht, mich mit der dreitausendundelften Doku zum Thema auseinanderzusetzen. Mit solchen, die „offene Fragen“ aufwerfen, schon gleich nicht, denn solche Fragen, die nicht irgendwelchen Verschwörungstheorien entspringen, werden spätestens mit der (in der US-Gesetzgebung immer noch festgeschriebenen Art und Weise) früher oder später ohnehin beantwortet.

      Fragen dagegen, die von Verschwörungstheoretikern aufgeworfen werden, setze ich mich nicht mehr aus. Denn allen Verschwörungstheorien ist gemeinsam (ausnahmslos!), dass sie auf ungleich kompliziertere Art und mit ungleich weniger wahrscheinlichen Argumenten „alternative“ Erklärungsversuche zu liefern in Anspruch nehmen, weil ihnen die offiziellen, die „Mainstream“-Erklärungen aus irgendeinem Grund nicht passen.

      „Mainstream“ wird bei Leuten, die zu Verschwörungstheorien neigen (ja, auch die Tea Party gehört dazu), gerne als Schimpfwort und Abqualifizierung genutzt. Leider übersehen sie dabei, dass es meist einen Grund dafür gibt, dass etwas „mainstream“ ist – und es ist nicht die leichte Verführbarkeit der Mehrheit.

    • Und noch was, was aus einer ganze anderen Ecke kommt. Ich bin für meinen Arbeitgeber, die Deutsche Welle, u.a. dafür verantwortlich, das nichts aus unseren Programmen ins Netz kommt, wofür wir keine Online-Verwendungsrechte haben. Dies kann (und will) ich inzwischen privat auch nicht anders halten. Da der obige Link nicht auf den offiziellen YouTube-Kanal des ORF verweist, habe ich ihn entfernt. Es bleibt jedem unbenommen, sich dieses Video auf der Seite des Hochladenden anzusehen.

  4. Wenn du z.B. die Frage stellst, wie viel ist 2×3 ist und du von der US-Regierung die Antwort „4“ bekommst, stellt dich das zufrieden?

    Sagt dir die Watergate Affäre etwas? Waren die Journalisten Woodward und Bernstein nicht auch Verschwörungstheoretiker, die nichts weiter als die Wahrheit ans Licht bringen wollten?

    Sagt dir der Tonkin-Zwischenfall etwas oder „Operation Northwoods“ etwas? Alle Infos dazu findest du auf Wikipedia.

    „Der Irak verfügt über Massenvernichtungswaffen.“ – wieder so eine üble Verschwörung… die Auswirkungen von über 1 Million Kriegstoten ist dir hoffentlich nicht entgangen!

    Mit deiner Pauschalverurteilung von Menschen, denen nichts weiter daran gelegen ist, die Wahrheit und damit der Freiheit der Gesellschaft einen gefallen zu tun, machst du dir es etwas zu einfach. Selbstverständlich bleibt das aber jeden überlassen.

    Eine einzige Frage:
    Warum ist das Building WTC7 in nahezu Freifallgeschwindigkeit zusammengestürzt, obwohl es dort nur ein paar Feuer an verschiedenen Stellen gab? Ist dies in deinen Augen eine so komplizierte Frage, die die meisten überfordern könnte? Gib mir eine plausible Erklärung und ich halte die Klappe.

    Ich habe Verständnis mit Menschen, die solche Dinge psychisch stark belasten (kognitive Dissonanz), weil ihr bisheriges Weltbild damit arg in Mitleidenschaft gezogen wird. Ich habe aber kein Verständnis dafür, wenn die Medien ihrer Pflicht nicht nachkommen, objektiven und investigativen Journalismus zu betreiben und diesen hinter der „political correctness“ anstellen. Wohin das führen wird, brauche ich wohl nicht zu erklären.
    Wenn Verschwörungstheorien allesamt so abstrus sind, wo ist dann das Problem, hier mit kriminalistischen Mitteln zu Beweisen, dass wir alle falsch liegen. Und warum findet darüber keine öffentliche Diskussion statt, resp. werden kritische Berichte aus der jeweiligen Mediathek des Senders gelöscht? Zumindest mach ich mir darüber meine Gedanken – nicht mehr und nicht weniger!

  5. Ich recherchiere das Thema seit 2 Jahren, kenne jede Theorie und alle öffentlich verfügbaren Fakten dazu (die US-Regierung hält ja viele Unterlagen immernoch unter Verschluss).
    Mein Fazit: Die Version der Regierung ist falsch! Es gibt nur Behauptungen, keine Beweise. Wer die Anschläge ausgeführt hat weiß ich nicht. Das weiß niemand. Deshalb ist eine Untersuchung ja so wichtig.
    Es war aber ganz sicher KEIN Bündnisfall! Die Bundeswehr sollte sich an Angriffskriegen weder aktiv noch passiv beteiligen.
    Der 11. September muss endlich untersucht werden, sonst gehen die Kriege endlos weiter und die Islamfeindlichkeit wird weiter zunehmen.
    Dass man Skeptiker auch 10 Jahre danach noch mundtot macht oder einfach als Spinner hinstellt ist eine eklatante Einschränkung der Meinungsfreiheit – weltweit!
    Auch dagegen wehre ich mich.

    • Irrtum. Auch das gehört zur Meinungsfreiheit – anderer Meinung zu sein und denen, die man für Spinner hält, nicht auf eigene Kosten noch ein weiteres Forum bieten zu müssen. Darauf hat niemand Anspruch, Meinungsfreiheit hin oder her.

      Zitat aus dem GG: Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

      Eine Zensur findet nur dann statt, wenn die Äußerung einer Meinung verboten wird. Der Nichtabdruck eines Leserbriefes oder die Nichtfreischaltung eines Kommentars stellen keine Zensur dar.

      Oder anders ausgedrückt: Sucht Euch eine andere Buddelkiste zum Spielen.

  6. Ich wusste gar nicht, dass du so nahe dran warst. Der Tag hat von hier aus betrachtet schon so viel Verblüffung und Schockstarre ausgelöst, die monumentalen Bilder und die durchwegs hilflosen Medien (kein Vorwurf, was hätten sie in dem Moment auch anders sein können als hilflos) haben mich damals als erstes an eine monumentale Inszenierung a la „Krieg der Welten“ denken lassen. Es war zwar schnell klar, dass es nicht so ist, aber dass das tatsächliche Lebens- und Menschenwirklichkeiten sind, habe ich in letzter Konsequenz auch erst mit dem „Falling Man“ begriffen.

    (Nebenbei: Erstaunlich an den Verschwörungstheoretikern finde ich, dass sie sich selbst gern „Skeptiker“ nennen – und dabei jeden noch so unwissenschaftlichen Schmus glauben.)

  7. Danke für die GWUP Links. Allerdings ist das nur halbherzige Wissenschaft, denn ich hätte gerne statische Berechnungen gesehen, um diese zu überprüfen. Seitenlange Texte sind keine wissenschaftliche Beweisführung, sondern Erklärungsversuche/Hypothesen, für die eine oder andere Seite. Vielleicht unterscheidet das GWUP auch etwas von den Architects & Engineers of Truth:
    http://www.911-archiv.net/Interview/Interview-mit-AE911Truth-Volunteer-Andrea-Dreger.html

    Hat GWUP Berechnungen zu den Stahlteilen angestellt, die seltsamerweise viel zu weit von den Twintowers entfernt verstreut lagen/feststeckten – wie ist das physikalisch zu erklären? Und bitte nicht nur eine Litanei zusammengetragener Texte des NIST.
    Erinnert man sich noch an die Pan-Cake Theorie? Die 3D Animation sah ja wirklich toll aus. Dumm nur, dass man nicht erklären konnte, wohin die 47 Stahlträger im inneren der WTC hin sind! Ach stimmt ja, durch die Hitze alle geschmolzen ^^.

    Zudem sollte man immer hinterfragen, für wen oder was GWUP arbeitet, von wem sie bezahlt werden, etc. Leider fehlt mir hier die Zeit, das genauer zu recherchieren.
    http://www.skeptizismus.de/henke.html

    @sturmwarnung: der Unterschied zwischen dir und mir liegt einfach darin begründet, dass ich es mir nicht bequem mache und einfach nur das konsumiere, was die Mainstreampresse so vorgibt, sondern selber Nachforschungen anstelle. Und es kann durchaus sein, dass man sich auch mal irrt und sich mit den gelieferten Fakten zufrieden gibt.
    Ich bin inzwischen sehr skeptisch gegenüber Menschen geworden, die schon grundsätzlich ein Problem damit haben, dieses oder jenes auch nur zu diskutieren. Macht für mich nämlich eher den Anschein, dass dahinter ein religiöses Glaubensbekenntnis steht, anstatt ernsthaftes Interesse an einer fachlichen Auseinandersetzung.
    Und keine Frage, es wird auch immer Verschwörungstheoretiker geben, die Hinter jeder Mauer eine solche sitzen sehen oder auch sehr abgefahrene Dinge andenken. Aber lieber so, als wie von vornherein Denkverbote zu erteilen.

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