NaziNetz

363 Email-Messages in etwas mehr als einer Woche Abwesenheit vom WorldWideSchreibtisch. Kurze Durchsicht der newsletters, speziell derer von wired.com, ergibt die Erkenntnis, dass der französische Ableger von Yahoo! offensichtlich in Schwierigkeiten steckt – weil er dazu verpflichtet werden soll, rechtsradikale Inhalte von seinen Seiten zu löschen und den Zugang zu anderen Nazi-Seiten zu blockieren.

Nun gut; ich habe gerade 10 Tage dort verbracht, wo Bomberjacken und extrem kurze Haarschnitte fast schon zum guten Ton gehören. Ich habe am vergangenen Samstag meine Tour zur Arbeit im DeutschlandRadio so geplant, dass mir die Sperrungen rund um die rechtsradikale Demo gegen das NPD-Verbot und die angekündigten Gegendemos in Berlin nicht den Zeitplan vermasselten. Und ich habe den Eindruck gewonnen (der aber auch täuschen kann, worauf ich inständig hoffe, es aber nicht wirklich glaube), dass Nazismus in Deutschland nicht mehr so pfui ist, wie er es mal war und immer noch sein sollte.

Pfui – nicht, weil es unsere Eltern, die gebrannten Kinder, uns so gepredigt haben, sondern weil jeder durch ein klein wenig Nachdenken selbst drauf kommen sollte, wie pfui es ist.

Nun bin ich wieder in den USA, dem Land, das zwar nicht im Stande ist, anständig einen Präsidenten zu wählen, aber trotzdem eine Verfassung hat, die eine ganze Menge Demokratie garantiert. Und jetzt grübele ich darüber nach, ob es tatsächlich richtig ist, rechtsradikale Inhalte aus dem Netz zu filtern.

Ich befürchte: Nein.

Denn erstens lässt sich im Netz nichts wirklich verbieten oder filtern – was sich ja schon am Streit um Musik-Raubkopien zeigt; wenn schon bei so Relevantem wie den kommerziellen Musikverwertungen das Netz nicht in den Griff zu bekommen ist, wie soll es dann bei etwas so Nebensächlichem wie Demokratie und/oder Menschenrechten in den Griff zu bekommen sein? (= Sarkasmus, gell?)

Zweitens hat Verbotenes immer einen besonderen Reiz – in der Schweiz, in der Schweiz, in der Schweiz und anderswo.

Drittens ist die rechte Szene bei der Mitgliederwerbung nicht auf das Netz angewiesen – dafür gibt es Dorfkneipen, Sportklubs, Jugendgruppen.

Und viertens – ja, viertens wüsste ich einfach gerne, was andere denken, um nicht dann davon zu überrascht werden, wenn es zu spät ist.

So einfach ist es. Weshalb ich es zwar für eine politisch korrekte, aber keine gute Idee halte, Nazi-Inhalte aus dem Web zu filtern.