Muh. Von Herzen.

Hinweis: Nichts von dem, was ich hier berichte, ist in irgendeiner Weise besonders. Was ich erlebe, erleben zur gleichen Zeit unzählige Menschen überall auf der Welt. Ich finde all dies nur deshalb so interessant, weil es mir passiert, und weil es mich dabei seltsam unbeteiligt lässt zumindest im ersten Teil seltsam unbeteiligt gelassen hat.

Im Grunde ist nicht viel passiert seit der letzten Nachricht von meinem Weg hin zum Cyborg. Im Grunde war da nur eine drei- bis vierstündige Operation plus eine Woche Grunderholung, ein paar Tage zu Hause, eine Komplikation plus zwei Wochen Krankenhaus und jetzt eine dreiwöchige Reha (amtlich: Anschlussheilbehandlung), von der auch schon mehr als die Hälfte vorbei ist. Also alles im grünen Bereich.

Nun ja. Zusätzlich zu Frank Schrittmacher trage ich jetzt ein Stück Plastik-Aorta und eine Aortenklappe, die vor mir einem (vermutlich) treuen Stück Rindvieh gedient hat, mit mir herum. Und wenn ich morgens im Bad vor dem Spiegel stehe und mir die mehr als 20 cm lange Narbe auf dem Brustbein ansehe, die vor zwei Monaten noch nicht da war, bin ich immer noch erstaunt, dass diese frankensteineske Kombi aus Konstantin, Kuh und Plastik, die dahinter schlägt, doch erstaunlich gut funktioniert. Weil ich sonst wohl nicht vor dem Spiegel stehen könnte.

Aber der Reihe nach.

Ich weiß nicht, ob und wann vor der OP ich eine Scheißegal-Spritze bekommen habe, aber – wie schon in dem einleitenden Absatz erwähnt – die OP selbst ließ mich zunächst komplett unbeteiligt. Keine Panik auf dem Weg in den OP-Saal, keine Panik beim Aufwachen, nur ein dämliches Grinsen im Gesicht, weil überhaupt nichts weh tat. Na, warum wohl? Stattdessen über die ersten paar Tage sinnlose Gedanken über die Vorratsdatenspeicherung (med.), denn so verkabelt wie auf der Intensiv- und danach der Wachstation der Charité ist der Mensch sonst eher nicht. Alle Körperfunktionen incl. der Verdauung werden gemessen und protokolliert, und wehe, der Stuhlgang lässt auf sich warten.

Es war mir alles egal. Ich hatte die OP überlebt, irgendwie schlug das Herz auch nach dem Umbau noch, und ich hatte keine Schmerzen.

Nun gut, ich hatte eine Nacht, die ich im Delirium verbrachte, was nicht schön war, aber keinen der Fachleute um mein Bett herum irgendwie beeindruckte. Ich hatte Phasen der abgrundtiefen Mutlosigkeit. Ich konnte mich kaum vom Bett zur Toilette bewegen und war froh, wenn ich wieder im Bett war. Und ich ging – glaube ich – meiner Umgebung bei allem Mitgefühl ein wenig auf die Nerven.

Weil Krankenhausbetten Mangelware sind, flog ich schon eine Woche nach der OP raus und durfte nach Hause, wo ich meiner Umgebung noch viel intensiver auf die Nerven gehen konnte. Nach neun Tagen zuhause (und fünf Tagen vor der geplanten Reha) sagte mir aber mein neu angeschafftes Heim-Blutdruck-Meßgerät, dass ich einen Puls von 144/min hätte, und bestand auch bei den folgenden vier Kontrollmessungen auf diesem Wert. Zur Erinnerung: Ich hatte ursprünglich einen Schrittmacher bekommen, weil mein Puls zu oft unter 60/min gesackt war.

Also mit Lalüla zurück ins Krankenhaus, wo ich die nächsten zwölf Tage dabei zusah, wie Ärzte überlegten, wie sie meinen Puls zurück in normale Bereiche bringen sollten, ohne mich der Gefahr eines Schlaganfalls auszusetzen. Die ganzen zwölf Tage lag der Puls bei 130, und das auch nur, weil ich Pillen schlucken durfte, über deren Nebenwirkungen ich mich lieber erst gar nicht informieren wollte, um den Puls nicht wieder auf 144 zu treiben.

Schließlich, nach dem x-ten EKG, der x-ten Ultraschalluntersuchung, dem zweiten oder dritten Röntgenbild und einer Computertomographie, kamen die Ärzte zu der Überzeugung, dass eine sog. Ablation helfen könnte. Dabei werden, wenn ich das richtig verstanden habe, Narben in das Muskelgewebe des Herzens gestanzt (?), die verhindern, dass fehlgeleitete (körpereigene) Stromstöße dorthin kommen, wo sie zusätzliche und unnötige Herzschläge verursachen.

Diese Ablation fand dann mal wieder (siehe diese Story) bei vollem Bewusstsein (plus Schmerzmittel) per Herzkatheter statt, und am nächsten Tag hatte ich a) einen einigermaßen normalen Puls und b) schon wieder meinen Entlassungsschein in der Hand.

Jetzt also Reha, am Anfang mit Luftschnappen nach einer Treppe, inzwischen mit schon halbwegs normalem Gang. Am Anfang noch mit Stimmungsschwankungen zwischen unkontrolliertem Wutanfall und dito Heulkrampf, inzwischen auch wieder mit einigermaßen ausgeglichenem Wesen. Denn: So unbeteiligt ich in die OP hineingegangen bin, so zugedröhnt ich aus ihr wieder herauskam – da haben welche mehrfach am Zentralorgan, an meiner persönlichen Prawda sozusagen, herumgefuhrwerkt, da habe ich ein paar Stunden nur durch eine Herzlungenmaschine überlebt, und da steuern derzeit immer noch starke Medikamente etwas, was vor zweieinhalb Monaten noch im naturgegebenen Normalbetrieb funktionierte (bis es das eben nicht mehr tat). Das geht einem schon näher als alles andere.

Jau. Ach ja, abgenommen habe ich auch ein wenig (siehe Bild). Jetzt also mit einer bovinen Herzklappe (jedes Muh kommt von Herzen!) und noch etwas mehr Plastik in der Brust zurück auf dem Weg in ein mehr oder weniger normales Leben. Am 1. September bin ich wieder zu Hause.

Und morgen werde ich 57. Happy Birthday to me.

17 Gedanken zu „Muh. Von Herzen.“

  1. lieber konstantin klein,

    brigitte schürholz (scheidemantel ) hat mir Ihren bericht geschickt. vorher hatte ich schon in fb Ihre fotografischen andeutungen ahnungsweise verstanden. so nüchtern und mitunter ironisch die persönliche reportage auch sein mag,, sie sagt unverblümt, dass Sie nicht nur einmal kurz vor terminus waren. wie tief diese erfahrung trifft, weiss ich, weil ich auch schon dort gewesen bin. “ es ist wie es ist „, keine fragen nach warum. so bin ich wieder zurückgekommen. und “ natura sanat “ aus der ersten lektion des ludus latinus kam mir als litanei in den sinn.

    ich wünsche Ihnen eine weitere gute rückkehr ins leben. es wird sicher vieles nicht mehr so sein wie vorher, aber schlechter muss es nicht sein. Sie feiern heute einen herausragenden geburtstag. dazu wünsche ich Ihnen harmonie, gesundheit und ein gutes langes leben.

    Ihr peter stockinger

  2. Hi Konstantin,

    auch aus Essen die allerbesten Genesungswünsche und nachträglich einen herzlichen Geburtstagsgruß. Auf dass du auch wieder erfreulichere Anlässe finden wirst dein Blog zu befüllen und das noch möglichst lange.

    Glückauf

    Dennis

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