Motivation

Am Morgen der meisten Arbeitstage nehme ich eine Abkürzung. Da ich vom Haupteingang des Gebäudes, in dem ich arbeite, bis zu dem Büro, in dem mein Schreibtisch steht, gefühlte 800 Meter in die Richtung laufe, aus der ich, vom U-Bahnhof aus, gerade gekommen bin, gehe ich meist durch die erste Toreinfahrt des Geländes auf den Hof und zu einem uralten Lastenaufzug (Baujahr 1911!), zu dem ich einen Schlüssel habe, und der mich nach einer zittrigen Fahrt direkt gegenüber meiner Bürotür ausspuckt. Was wär das Leben ohne ein gewisses Risiko? (U. Roski)

Aber das ist gar nicht die Geschichte. Auf dem Weg zu dem Aufzug komme ich an einem Call Center vorbei. Für Unkundige: Das sind die Firmen, die im Auftrag anderer Firmen Menschen anrufen, die eigentlich nicht angerufen werden wollen.

Das Call Center in question hat nun, ebenso wie mein Arbeitgeber, Fläche in einem alten Industriegebäude angemietet. Auf dem Weg zur Arbeit sehe ich dort um diese Jahreszeit frierende Menschen, die darauf warten, kurz vor Dienstbeginn die Fabrikhalle betreten zu dürfen, in der sie fremde Menschen anrufen sollen. Und auf dem Weg nach Hause herrscht dort reger Betrieb, und die Raucher unter den Telefonarbeitern stehen frierend auf dem Hof, weil in der Halle das Rauchen verboten ist.

Ich gebe zu, dass ich mir meine Gedanken über diese Menschen mache – nicht, weil sie frören oder rauchten, sondern weil sie – und das lese ich ihren Gesichtern ab – gerne anderswo und vermutlich für mehr Geld arbeiten würden. Und obwohl ich zu denen gehöre, die zu Hause ungebetene Anrufer mit ausgesuchter Grobheit abfertigen, kann ich mir doch vorstellen, dass die frierenden Berufstelefonierer froh sind, wenigstens diesen Job zu haben, und denke mir nur, wie schwer es sein muss, sich für Anrufe bei groben Sausäcken wie mir zu motivieren.

Eminent hilfreich bei dieser Motivationsarbeit ist aber der Fuhrpark, den die Call-Firma offensichtlich ihren leitenden Angestellten zukommen lässt: Neben einem Lieferwagen der Kangoo-Klasse stehen dort nur große Wagen aus München und Stuttgart, ausnahmsweise auch aus Ingolstadt, ausnahmsweise auch unter 3,2 Liter Hubraum. Erkennbar sind die Wagen am einheitlichen Schwarz und den ebenso einheitlichen Nummernschildern, ausgestellt in einer westdeutschen Mittelstadt und die Buchstaben des Firmennamens in das Kennzeichen integrierend.

Macht sicher Spaß, dort zum knapp kalkulierten Lohn zu telefonieren. Man sieht ja jeden Tag, wozu’s gut ist.