Mitte, bitte (nicht)

(Dies dürfte das erste Mal sein, dass ich aus einem Tweet einen Weblog-Eintrag mache. Sonst ist die Tendenz eher umgekehrt: Was nicht so wichtig ist, handeln wir in 140 Zeichen oder weniger ab!)

Alles ist relativ. Das ist vielleicht noch die letzte Erklärung, die Gerhard Schröder („die neue Mitte“), Angela Merkel („Die Mitte ist menschlich„) und Guido Westerwelle („[insert heiße Luft here]„) davor bewahrt, des kompletten politgeometrischen Realitätsverlustes schuldig befunden zu werden. Alle beanspruchen die Mitte, zitieren sie, unabhängig von den tatsächlichen politischen Koordinaten, zu sich  – und versprechen sich, bitteschön, was davon?

Gut, Extremismus ist böse, bäh, wollen wir InduLa (in diesem unserem Lande) nicht. Aber sogar Westerwelle ist nur des Hanges zu extremer Peinlichkeit zu überführen (und schon mehrfach überführt, also case closed), also woher diese Panik, irgendwo anders als in der Mitte zu finden zu sein?

Wahrscheinlich, nein, sicher, hat ein Marktforscher, also einer von denen, die inzwischen an so ziemlich allem schuld sind, was sich in unserer Gesellschaft tut, ihnen eingeredet, die Mitte sei das, wo sich der Mensch, speziell der wählende, am wohlsten fühle – wahrscheinlich, weil dann die Anzahl der umgebenden Idioten in jeder Richtung gleich groß ist.

Nun ist der vernunftbegabte Mensch – und ich glaube fest, dass ich darin nicht alleine bin – nur sehr ungern in irgendwelchen Mitten zu finden, weder im Bierzelt (obwohl ich da auch sonst sehr selten zu finden bin) noch im Schlussverkaufsgedränge oder auf einem Motorrad in einem vollgepackten U-Bahn-Wagen. Nur auf dem Gehsteig gehört die Mitte unwiderruflich mir!

Aber in irgendwelchen Koordinatensystemen? Let’s face it: Auf einer politischen x-Achse, die von ganz links bis ganz rechts geht, hat die Mitte den Wert 0 (in Worten: Null).

OK. So gesehen, passen alle die, die jetzt oder auch in der Vergangenheit die Mitte für sich beanspruchen (und da stehen Merkel, Westerwelle, Schröder in einer langen Tradition, die bis zurück in die sechziger Jahre reicht), da auch wieder ganz gut hin.