Migrationshintergrund

"Give me your tired, your poor/Your huddled masses yearning to breathe free"

„Give me your tired, your poor/Your huddled masses yearning to breathe free“

Es war im Jahr 1938, als die 22jährige Münchnerin Liane sich für die Auswanderung entschied. Ihr geliebter Stiefvater hatte sich erschossen, weil er als Jude nicht in die Hände der Nazis fallen wollte; in einem Land, in dem so etwas möglich war, wollte sie nicht bleiben. Ihr Chef, der Münchner Vertreter einer italienischen Firma, besorgte ihr einen Job in der New Yorker Niederlassung und die erforderlichen Papiere, und im Jahr 1939 traf Liane in New York ein. Sie verliebte sich, heiratete, brachte zwei Söhne zur Welt und starb erst 2006 im hohen Alter.

Fast 30 Jahre später, im Jahr 1968, führte Lianes Bruder Harald, der in München den Krieg überlebt hatte, mit seiner Frau Gespräche, in denen das Wort „Auswanderung“ vorkam. In diesem Jahr, am 28. April, hatte die NPD bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg 9,8 Prozent der Stimmen gewonnen und war in den Landtag eingezogen. Und 1969 waren die nächsten Bundestagswahlen…

Der Stuttgarter Erfolg der NPD blieb der einzige. Bei der Bundestagswahl scheiterte die Partei an der Fünfprozenthürde, wenn auch nur knapp. Und sowieso waren Harald und Frau eher reiseunlustige Menschen, denen der Sommerurlaub in Italien schon Entfernung genug war.

Wieder fast 30 Jahre später steckte Haralds Sohn in einer unerwarteten beruflichen Krise. Zusammen mit seiner Frau beschloss dieser Sohn, wir wollen ihn Konstantin nennen (weil er so heißt), die Chance zur Auswanderung zu nutzen und – vorerst für ein paar Jahre – in die USA zu gehen. Tante Liane und die ganze amerikanische Verwandtschaft hieß das gut und das Paar willkommen, eine Tochter kam auf die Welt und hat jetzt zwei Pässe. Und wenn sich nicht die beruflichen und privaten Umstände anders entwickelt hätten, würde ich heute noch aus den USA bloggen. So wie ich es vor 17 Jahren angefangen hätte.

Eine andere Welt

1938 herrschte nicht gerade Reisefreiheit in Europa und der Welt; in Mitteleuropa sah es auch sonst um die Freiheit düster aus. Trotzdem wurde aus der Münchnerin eine nahezu waschechte Manhattanite.

1968 warfen junge Europäer ein Jahr nach ihren Altersgenossen in Kalifornien den Muff aus tausend Jahren ab, der in Wirklichkeit vor allem auf zwölf Jahre zurückging. In Europa gab es noch Grenzen. In Italien gab es eine Sommerzeit und eine komische Währung, der man beim Verfall zusehen konnte. Und die Bundesrepublik hatte sowohl die Deutsche Mark wie auch eine dauernde Winterzeit. Die Lücken im heimischen Arbeitsmarkt füllte man mit Menschen aus den Ländern, in denen man Urlaub machte. Und auch über Auswanderung konnte man sprechen – ohne dass sie dann nötig wurde.

1996 war die härteste Grenze Europas einfach so gefallen. Ein junges Paar, das sich nach dem Grenzfall gefunden hatte, konnte sich mit wenig bürokratischem Aufwand eine neue Heimat auf der anderen Seite des Atlantik suchen.

Und jetzt…

Es sind weitere 20 Jahre vergangen. In den USA wählten sie aus Protest einen Mann zum Präsidenten, dem jede Voraussetzung für das Amt fehlt. Und unter dem Applaus seiner Anhänger und dem Protest von allen anderen setzt er Freiheiten mit seiner Unterschrift außer Kraft, die wir für selbstverständlich gehalten haben.

Die Empörung ist groß – dabei ist das, was Donald Trump da tut (wir sprechen jetzt nicht von all dem anderen, was er sonst so tut), nichts anderes als das, was seine Kollegen in kleineren Ländern schon seit Monaten oder Jahren tun. In Ungarn, in Polen, auch in der Türkei, in Israel und auf dem Balkan, werden Menschen an Ein- und Auswanderung, an der freien Bewegung gehindert. Und es gibt in Europa noch genügend andere Länder, in denen solche Einschränkungen ebenfalls Thema sind.

Das geschieht aus unterschiedlichen Gründen und Motiven; gemeinsam ist, dass es ausnahmslos gewählte Anführer sind, die solche Beschränkungen einführen und durchsetzen. Ja, irgendjemand hat diese Leute gewählt…

Warum?

(Rhetorische) Frage an all die, die Trump, Orbán, LePen, Netanyahu, Petry & Co. wählen: Warum tut ihr das eigentlich? Wovor habt ihr Angst? Die Wahlstatistiken zeigen uns, dass die meisten von euch in Gegenden leben, in denen der Anteil der Ausländer im niedrigen einstelligen Bereich liegt. Eine Burka werden die meisten von euch im Leben nicht zu Gesicht bekommen – und wenn doch, werdet ihr sie nicht von Nikab oder Hijab unterscheiden können. Und die Sache mit den Terroranschlägen… Schon mal was von der Verhältnismäßigkeit der Mittel gehört? Verhältnismäßig ist nicht, hunderttausende von Menschen unter Generalverdacht zu stellen, nur weil einige  davon Verbrechen begehen.

Wir haben 2017. In diesem Jahr wählen wir in Deutschland drei Landtage und einen Bundestag. Und genau wie meine Eltern vor fast 50 Jahren sehe ich diesen Wahlen besorgt entgegen. Zumal das Land, in dem zumindest meine Tochter schon das Bürgerrecht hat, als Auswanderungsziel vorerst nicht in Frage kommt.