Microsoft, Google, Facebook

Zuerst – lange her, das – war die Welt in Ordnung. Microsoft war gut, weil es die Massen von der Kommandozeile befreite, ohne dass man gleich einen Mac kaufen musste. Dann war Microsoft böse, weil es eine Firma namens Netscape (erinnert sich noch jemand daran) im Staub zertrat, und Google war gut, weil es Schluss machte mit dem bunten Webfirlefanz des Jahrtausendwechsels, Linux statt Windows nutzte, rattenscharfe Software schrieb und cool war.

Inzwischen ist Google böse, weil es mit fremden Daten Geld verdient, wobei wir ein klein wenig übersehen, dass wir von Google alles gratis bekommen – Suchergebnisse, Webdienste, Besucher – und dafür eben mit Daten statt mit Geld bezahlen.

Facebook dagegen – war das eigentlich jemals richtig gut oder richtig böse? Richtig albern fanden es viele, als es auf den Markt kam, und auch ein bisschen böse, weil es mit fremden Daten Geld verdienen wollte, anstatt das Geld direkt einzukassieren, das aber wahrscheinlich längst nicht so gerne bezahlt worden wäre. Zwischendurch fanden wir das Oberface Zuckerberg ein wenig unreif, die Geschäftspolitik von Facebook so wirr wie den Verlauf einer Studentenfete – und plötzlich waren auch solche bei Facebook, die sonst vor lauter coolness die Treppe im St. Oberholz nicht gerade herunterkommen können.

Nanü?

Leute, hier tut sich was. GigaOM (wo manchmal allerdings auch Käse steht) warnt Google schon vor der neuen Bedrohung durch Facebook (und von Microsoft spricht inzwischen keiner mehr):

While it may currently be unfashionable to question Google’s long-term chances, the fact is that the growing influence of Facebook will pose a major risk to Google’s 10 blue links-based business model. The social networking site introduced new features today that allow it to extend its influence (or tentacles) even further across the web and in the process, further shift the focus away from search to discovery — discovery that uses your social graph.

Das sind die Schlüsselworte: weg von der Suche, hin zur Entdeckung, im konkreten Fall im sozialen Umfeld bei den Facebooks dieser Welt.

Google hat das durchaus erkannt, schließt, ähnlich wie Microsofts jammervoller 327. Versuch einer Suchmaschine, einen Deal mit Twitter ab und versucht schon länger, mit OpenID-Unterstützung, Google Friend Connect (bis vor kurzem auch auf diesen Seiten), dem Google Reader etc. auf den sozialen Zug aufzuspringen. Das ganze funktioniert so lala, aber der Durchbruch kommt eher schleichend; Google Wave – was vom Durchbruch auch noch ein paar Wellen entfernt ist – gehört nicht in diesen Zusammenhang, da es kein soziales Tool ist, sondern ein kollaboratives. Kleiner, aber wichtiger Unterschied.

In der Zwischenzeit schlägt Facebook den ganz großen Schaum und kündigt die bevorstehende Übernahme des Web an, wie Leander Wattig berichtet:

The Open Graph API will allow any page on the Web to have all the features of a Facebook Page. Once implemented, developers can include a number of Facebook Widgets, like the Fan Box, or leverage any API, which enable the transformation of any Web page so it functions similar to a Facebook Page.

Oder anders: Jede Webseite, die sich nicht wehrt, wird mehr oder weniger weitgehend facebookisiert.

Schaudernd senken wir den Blick auf den unteren Rand des Browserfensters und nehmen wahr, was sich dort tut: genau das, allerdings noch ohne die enge Integration durch Facebook selbst, dafür mit Hilfe durch die Toolbar des israelischen Startup Wibiya – mit Twitter-Integration, mit Ausriss aus der blauelektrischen Facebook-Fanseite (nur echt mit höchstens 15 Fans!), mit einer Facebook-Community, die ich mir einstweilen mit Felix Schwenzel teile, der – glaube ich – auch nicht so genau weiß, was er von all dem halten soll.

Und warum das alles? Weil ich aber auch jeden Scheiß mitmache?

Nee, so einfach ist es nicht. Dass Weblogs von ihrer publizistischen Funktionsweise her eher old media sind (genauso wie Google the new Microsoft ist – s.o.!), habe ich schon vor Jahren festgestellt, damals noch ohne zu wissen, was an ihre Stelle als next big thing treten wird. Inzwischen wissen wir es: es ist der Social Graph, das Social Web.

Und das heißt unter anderem, und offenbar weltweit zunehmend, Facebook. Und mit einem Schritt wie der oben erwähnten Öffnung für jede Website, die mitspielen will, hängt Facebook die ganzen geschlossenen Veranstaltungen wie Orkut (hä?), MySpace (wa?) oder DingsbumsVZ mal eben locker ab.

Be afraid, be very afraid. Oder freut euch des sozialen Lebens. Eins von beiden.