Mein (un-)soziales Netz

Gebe zu, dass ich, naturalisierter Netzbürger seit, nuja, dem Jahr 2000, mit der Terminologie, die im Jahr 2012 im Netz herrscht, noch immer nicht klar komme. Beispiel: „Freunde“.

Bekomme ich doch gestern eine Mail von der Fa. Facebook mit dem Inhalt, sechs Freunde von mir hätten in der kommenden Woche Geburtstag. Meine spontane Reaktion, wie immer leicht überspitzt:

Du hast sechs Freunde...

Risky business, versteht sich; schließlich habe ich bei Path mehr als sechs Freunde, unter denen jetzt Aufregen und Mißtrauen herrscht: Wer von uns ist gar nicht sein Freund, wen hat er um einen Platz auf der kostbaren 150-Freunde-Liste, die Path seinen Nutzern zugesteht, betrogen?

Die Sache ist nämlich so: Als leicht zwanghaftes Exemplar aus dem Sternzeichen Jungfrau teile ich die Welt gerne in Kategorien ein (Eigentlich sollte Excel mein Lieblingsprodukt aus dem Hause Microsoft sein. Ist es aber nicht…). Was die sozialen Beziehungen außerhalb von Familie und Beziehung angeht, wären das so ungefähr die folgenden Kategorien (im Folgenden geschlechtsneutral benannt):

  • Freund – jemand, dem man mitten in der Nacht und besoffen heulend das Elend der Welt klagen kann, ohne dass er/sie 1. am nächstenTag nichts mehr mit mir zu tun haben will und 2. es allen weitererzählt; von dieser Kategorie habe ich tatsächlich sehr wenige (und wenn Sie, liebe/r Leser/in, ehrlich sind, Sie auch).
  • Bekannter, in Freundschaft zugeneigt – jemand, von dem ich gerne höre, und mit dem ich gerne Zeit verbringe, wobei es mir dann völlig egal ist, ob diese Zeit in der Arbeits- oder in der Freizeit, face to face, am Telefon, brieflich oder online stattfindet. (Hinweis für alle verunsicherten Path-Freunde: Wer von Euch nicht in der ersten Kategorie ist, ist spätestens hier zu finden. Hinweis für verunsicherte Facebook-Freunde: Die meisten von Euch…, nunja, die Mehrheit von Euch ist hier.)
  • Bekannter, ohne freundschaftliche Gefühle – jemand, der im Facebook-Universum immer noch als „Freund“ durchgeht, und mit dem ich entweder neutralen oder zumindest früher freundschaftlichen Umgang gepflegt habe. Schul- und Studienfreunde gehören oft in diese Kategorie.
  • Kontakte – siehe Xing, LinkedIn etc.
  • Follower – don’t get me started. (Ja, ihr seid gemeint, tausende von Google+-Trollen!)
  • Unbekannte – der sehr große Rest

Eine solche, vergleichsweise einfache Struktur abzubilden und mit dem eigenen Geschäftsmodell zu verbinden, ist die Herausforderung an alle, ob Startups oder etablierte Anbieter, die ein social web errichten wollen, das (in meinen Augen) diesen Namen verdient. Die bisherigen Angebote zeigen, dass das nicht einfach nahezu unmöglich ist.

Zum einen ist uns ja selbst schon nicht in jedem Fall möglich, Menschen aus dem Lebensumfeld eindeutig in eine der oben aufgeführten Kategorien (die das ungleich kompliziertere Beziehungsleben schon ausschließen) einzuordnen. Zum anderen aber beruhen die Geschäftsmodelle aller Sozialnetze, die entweder schon Geld verdienen oder es irgendwann mal wollen, darin, den Aufbau von Freundeskreisen so einfach wie möglich zu machen und so viele Freunde (und potentielle Kunden) wie möglich mit einzubeziehen. Das Einsortieren in Kategorien, das ja den Ausschluss aus anderen Kategorien umfasst, passt nicht in diese Denke. Bestes Beispiel: Die circles von Google+ und Facebooks Listen, die vor allem Arbeit mit sich bringen und die wahre Komplexität menschlicher Beziehungen immer noch nicht abbilden.

Warum ich diesen Schrieb „Mein (un-)soziales Netz“ genannt habe? Weil mein soziales Netz, also das im echten Leben, mit echten Menschen, für ein Abbild im digitalen Netz (digital = „ja“ vs. „nein“) nur bedingt geeignet ist. Weshalb ich derzeit auch wenig Zeit in den digitalen Freundeskreisen verbringe (Ausnahme: Path, was – noch – einem Freundeskreis am nächsten kommt).

Zusammenfassung: Ich habe nur wenige echte Freunde. Aber ich liebe euch doch alle.