Mailen auf der Dunklen Seite

Wer in den letzten Tagen mit mir Mails austauschte, kannte mein dunkles Geheimnis nicht. In diesen letzten Tagen habe ich nämlich nicht, wie eigentlich zu erwarten war, einen der von mir getesteten und für mehr oder weniger gut befundenen Mailanbieter benutzt, sondern meine Mails – horribile dictu – über meinen GMail-Account geleitet.

Warum nur, warum?

Darum:

Inbox at work
Inbox at work

Ich hatte eine Einladung bekommen, „Inbox by GMail“ auszuprobieren (und natürlich als begeisterter User gleich dabei zu bleiben, aber dazu gleich mehr). Inbox ist eine Android- und iOS-App (für Telefone – eine eigene Tabletversion gibt es noch nicht), die auf GMail aufsetzt.

Wir erinnern uns: Seit seiner Einführung hat GMail immer wieder versucht, das alte Gebrauchstool E-Mail weiterzuentwickeln –  mit der Idee, soviel Speicherplatz anzubieten, dass Löschen nicht mehr nötig sein sollte, mit dem Konzept, Mails zu labeln, anstatt sie in Ordner einzusortieren, mit einem seinerzeit wirklich sensationellen Spamfilter, mit einer immer noch beeindruckenden Suchfunktion etc. Zuletzt, und bevor GMail als Google-Produkt im Zuge der Snowden-Enthüllungen plötzlich gar nicht mehr gut dastand, hatte GMail noch versucht, durch automatische Vorsortierung von wichtigen, weniger wichtigen und vermutlich eh nie gelesen werdenden Nachrichten den Workflow der User zu verbessern – was nicht bei allen Usern, u.a. bei mir, bombig einschlug.

Inbox versucht, das alles besser zu machen. Mit beeindruckendem Erfolg. Inbox setzt auf ein bestehendes GMail-Konto auf und sortiert die Mail nach eigenem Vorwissen und/oder nach den Vorlieben des Nutzers. Anders als in der Weboberfläche von GMail muss sich besagter Nutzer aber nicht durch mehrere Tabs durchklicken, um zu sehen, wo GMail sonst noch Mail für ihn versteckt haben könnte. Eine Kategorie, in die Mail neu einsortiert wurde, wird automatisch auf dem Startbildschirm angezeigt – oder nicht, wenn das dem User lieber ist, oder nur zu einer bestimmten Uhrzeit, zu der der User beispielsweise in Ruhe seine Newsletter lesen will, oder am Samstag, oder – Achtungachtung! – wenn das Telefon des Users dank GPS merkt, dass es jetzt in der Nähe des Stammcafés des Nutzers ist, in dem er immer seine Mail abarbeitet.

Ich war und bin immer noch beeindruckt. Dazu kommen hübsche Animationen, Schnellbearbeitung der Mails mit Wischgesten („erledigt“ vs. „Wiedervorlage“) und ein Design, das Mails nicht, wie sonst üblich, in drögen Listen von Nachrichten oder Nachrichtenthreads darstellt, sondern im neuerdings so modernen Kartenformat. Inbox gibt es auch für den Desktop: als Webmail-Anwendung unter https://inbox.google.com, läuft aber vorerst nur in Google Chrome und wirklich nur da. Sogar ein aktuelles Chromium klappte bei mir darunter zusammen, und Firefox und andere zeigen nur eine Seite, dass Inbox irgendwann in der Zukunft auch in anderen Browsern laufen wird.

Inbox verhält sich so, wie man es von einem Personal Assistant der menschlichen Sorte erwartet: es versucht, mitzudenken, und hilft bei der Verwaltung von Mails. Menschen, die pro Tag drei Nachrichten bekommen und eine schreiben, brauchen Inbox eher nicht. Und Menschen wie ich…

…gruseln sich ein wenig. Eine Buchungsbestätigung eines Hotels wird nicht nur automatisch in die Kategorie „Reisen“ einsortiert (das kennt man ja von Google-Produkten inzwischen), sondern gleich noch in den (von mir nicht benutzten, aber vorhandenen) Google-Kalender als Übernachtungsdatum eingetragen. Wie gesagt: Von einem menschlichen Asisstenten erwarte ich das. Aber ich erwarte auch, dass er oder sie gegenüber anderen die Klappe hält, was meine Reisepläne angeht. Von Google kann ich das aufgrund seines Geschäftsmodells nicht erwarten.

Und das ist die Sache, wenn man erstmal auf die Dunkle Seite geraten ist: Man weiß, dass man dort ist, aber man sieht nicht mehr so klar den Grund, warum man sich vielleicht besser für die Helle Seite entscheiden sollte. Ich bin ein Google-Skeptiker – holt mich hier raus!

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