Liebes Mitvolk!

Wir müssen reden. Es dauert auch nicht lange.

Du, Mitvolk, und ich wissen Bescheid. Spätestens seit Snowden wissen wir Bescheid, und seit den Nicht-Reaktionen unserer Regierenden auf Nicht-Auskünfte und Nicht-Versprechen unserer besten Freunde jenseits des Atlantiks haben wir auch all die Klarheit, die wir uns nicht gewünscht haben: Es gibt im derzeitigen politischen System keine Absichten, uns unsere Privatsphäre zu lassen, aber alle Absichten, sie noch weiter auszuhöhlen, gerne im Namen eines un-erklärten Krieges gegen den Terror – „un-erklärt“ in dem Sinne, dass mir noch niemand wirklich erklären konnte oder wollte, welche Terroranschläge denn durch massenhafte Überwachung unserer elektronischen Kommunikation bisher verhindert werden konnten.

Aber egal. Wir haben es mit Regierenden zu tun, die kein Interesse daran haben, sich wirklich für unsere Privatsphäre einzusetzen, denn: Wissen ist Macht. Nichts wissen macht machtlos.

Vor einigen Jahren, so rund um die Gründung einer Piratenpartei herum (gibt’s die eigentlich noch?), drehte sich die Diskussion in Klein-Bloggersdorf darum, ob technische Lösungen gegen Ausspähversuche wirklich das Wahre seien, ob nicht eher politische Lösungen gefragt seien. Inzwischen wissen wir: Die politische Lösung wird vielleicht von einigen wenigen verfolgt. Von denen, die das Sagen haben, gar nicht.

Bleibt die technische Lösung. Das erzähle ich – wenn ich darüber rede, denn anders, als es in diesem Blog den Eindruck macht, rede ich auch über andere Dinge – jedem, der es hören will. Eine geschätzte Minderheit interessiert sich dann noch etwa fünf Minuten lang für die technischen Details, bevor dann in guter Hipster-Ironie, auch von Nicht-Hipstern, der Satz vom Nichtszuverbergenhaben kommt. Immerhin: Den Anstand für das ironische Grinsen bringen die meisten noch auf.

Ja, auch ich habe nichts zu verbergen. Finanziell und familiär ist es mir schon mal besser gegangen. Ich habe keine Verbrechen begangen, und seit ich kaum noch Auto fahre, parke ich nicht mal mehr falsch. Trotzdem möchte ich mit meiner Umwelt unbeobachten interagieren können – halte das sogar für ein Grundrecht. Und stoße mit diesem Bedarf nach Unbeobachtetbleiben auf eine so dröhnende Nicht-Resonanz, dass es mir langsam unheimlich wird.

Liebe Mitwelt, nachdem ich nicht annehme, dass Du kollektiv mit den Herrschenden unter einer Decke steckst (nein, so paranoid bin ich auch wieder nicht!) und deshalb kein Interesse an Verschlüsselung hast, bleibt mir langsam nur noch eine Erklärung: Du hast nicht nur „nichts zu verbergen“, Mitwelt, sondern Du möchtest in einem inzwischen erwiesenermaßen überwachten Biotop auch noch beweisen, dass dem so ist. Du kommunizierst unverschlüsselt, um den Argwohn der Überwacher nicht zu wecken. Du verhältst Dich system-konform. Du spielst das Spiel der Überwacher mit.

Und das ist feige, Mitwelt.

1 Gedanke zu „Liebes Mitvolk!“

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