Liebe Sozialdemokratie!

Im Grunde ist schon alles gesagt. Aus Angst davor, als parteigewordenes Weichei neben der Eisernen Lady alt auszusehen, aus Angst vor weiteren Loser-Erklärungen der Zeitung mit den Großen Buchstaben™, aus Angst davor, in der Großen Koalition mit einer eigenen Meinung unangenehm aufzufallen, wahrscheinlich überhaupt aus Angst hast Du Dich auf einen, wie Du glaubst, Kompromiss zum Thema Netzsperren eingelassen und wirst – in Person Deiner Bundestagsabgeordneten – übermorgen mehrheitlich einem Gesetzentwurf zustimmen, der einigen Surfern, ob nun tatsächlich auf der Suche nach ekelhafter Pornografie oder nicht, ein Stoppschild auf den Bildschirm zaubert, gegen Kinderpornografen selbst jedoch jämmerlich nutzlos ist.

Prima gemacht, SPD. Ganz prima.

Die Abschiedsbriefe rauschen Dir jetzt nur so um die Ohren, und Deinen Abgeordneten auch. Ich hatte meinem Abgeordneten, auch einem Sozialdemokraten, ja schon vor mehr als einem Monat geschrieben, wie wenig einverstanden ich mit seiner – und Deiner, Sozialdemokratie – Zustimmung zum Gesetz der Frau von der Leyen sein würde; und obwohl eine solche Zustimmung bis jetzt nicht formell im Bundestag erfolgt war, habe ich Dir bei der Europawah schon nicht mehr meine Stimme gegeben.

Zugegeben, die 220-tausend, die bei der Eurowahl für diese komische Piratenpartei gestimmt haben, hätten Dir und Deinen Granden auch nicht den politischen Arsch gerettet. Und vielleicht ist es ja auch von mir und anderen ein wenig kindisch, wegen eines einzigen Themas, wegen dem bisschen Bürgerrechte, einer alten Volkspartei die Liebe aufzukündigen.

Es ist nur leider so, liebe Sozialdemokratie, dass Du auch sonst den Draht zu deinen Wählern in ungekannter Weise verloren hast und – glaubt man den Worten Deiner Oberen nach der vergurkten Wahl – bis heute nicht wirklich gepeilt hast, dass das vor allem an Dir, und nicht am Wetter, und nicht an den Piraten, und nicht an schlechter Öffentlichkeitsarbeit (die übrigens auch auf Dein Konto geht) gelegen hat.

Sieh’s doch mal so, Sozialdemokratie: Du bist ohnehin auf dem besten Weg, zur dritten FDP dieses Landes zu werden. Du hast offenbar kein Programm mehr, mit dem Du in ausreichendem Maße Wähler begeistern könntest, und entsprechende Charismatiker für zum Aufs-Plakat-Drucken hast Du erst recht nicht. Im Grunde wäre das doch die Chance, sich neu zu erfinden, 150.000 Jahre Arbeiterverein hin oder her, ein paar zukunftsträchtige Themen zu besetzen und zum ersten Mal seit dem frühen Schröder wieder mit Chuzpe, Rückgrat und Ideen Punkte zu machen.

Nee, lieber nicht, SPD? Dachte ich mir. Bist ja eine deutsche Partei.

Seufz.

(Bild: Spreeblick – CC-Lizenz)

Via email von Bluelectric ePost