Lesen

Was einem die Eltern auf den Lebensweg mitgeben, stößt – geben wir es zu – beim Nachwuchs auf unterschiedlich großes Interesse. Diese Erfahrung mache ich elternseits, seit ich Nachwuchs habe; kindseits ist die Erfahrung schon ein paar Jahrzehnte her. Im Gedächtnis geblieben ist mir allerdings, wie mir mein Vater, ein sehr belesener Mensch, nicht nur einmal den Wert von Büchern beibiegen wollte – den intellektuellen, versteht sich.

Nun dürfte mein Vater – Jahrzehnte später – zufrieden sein, wie oft er mich von irgendwo da oben beim Lesen beobachten könnte. Gleichzeitig wäre er womöglich enttäuscht, wenn er sähe, was ich so lese – neben den Klassikern des 20. und meinen persönlichen Favoriten des 21. Jahrhunderts ist da auch eine Menge Gebrauchsliteratur dabei: von Dan Brown (ich gestehe) über Stephen Fry bis Douglas Coupland, von Håkan Nesser über John le Carré und John Irving bis Haruki Murakami ist da, nun ja, längst nicht alles, aber doch sehr viel dabei. Ich lese gern und viel.

Was mein Vater aber nicht mitbekommen dürfte, ist mein Verhältnis zu Büchern in ihrer physikalischen Form. Nicht nur, dass ich – zusammen mit meiner Schwester – einen Teil der ererbten Bibliothek… ja, doch: weggeworfen habe (es gibt Büchercontainer in den Wertstoffhöfen dieser Republik! J’accuse!), weil sie unser beider Geschmack nicht entsprachen, weil auch Antiquare die meisten Autoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als inzwischen unverkäuflich bezeichneten, und weil… Nun ja, die Bibliothek meines Vaters stammt eben aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, aus einer Zeit, in der man zuhause noch ungebremst rauchte und soff, und während der Whisky keine nennenswerten Spuren in der Bibliothek hinterlassen hatte, waren doch viele der braunen Bücher, die ich aus meiner Kindheit kannte, in Wahrheit überhaupt nicht braun. Und sie fassten sich – mit ihrer satten Teerschicht auf Buchrücken und Seitenschnitt – nicht wirklich angenehm an. Weshalb nur wenige Bücher es von seiner in meine Bibliothek geschafft haben.

Aber: Meine Bibliothek vom Anfang des 21. Jahrhunderts verdient diese Bezeichnung, im klassischen Sinne gebraucht, nicht wirklich. Mindestens die Hälfte der Bücher in meinem Wohnzimmer fällt unter die Kategorie Paperback, ist also nichts zum Vererben. Und seit es brauchbare Lesegeräte (und ebenso brauchbare Lese-Apps für das Tablet) gibt, bin ich für die gebundenen Ausgaben so gut wie verloren. Mein Schlüsselerlebnis war dabei der zweite von mehreren Urlauben in Schweden: Während ich im ersten Urlaub noch einen halben Koffer mit Büchern vollgestopft hatte, tat es im zweiten ein Kindle. Ein einziger.

Und immer wieder erzählt mir jemand vom haptischen Erlebnis des Umblätterns. Und ich lasse mich auch noch darauf ein und frage, was daran so toll sein soll, industriell gefertigtes und massenhaft bedrucktes Papier umzublättern – anstatt dass ich mich auf die Wahrheit zurückziehe und zugebe, dass mir die Haptik reichlich egal ist, dass ich ein Buch des Textes wegen lese und mag (oder auch nicht) und das Trägermaterial mir wumpe ist.

Wahrscheinlich sollte ich die Haptikprediger mal fragen, ob sie sich ihre Filme in der Videothek auch noch auf 16mm-Film ausleihen.

Aber die Buchhändler! Ja, die Buchhändler. Ich zitiere Kathrin Passig:

Ich halte das für unterlassene Hilfestellung, dem Buchhändler nicht zu sagen: Es wird euch nicht mehr geben in zehn Jahren.

Das ist brutal, und wer ist schon gerne brutal zu sensiblen Menschen wie Buchhändlern? Aber auch Printjournalisten oder Videothekenbetreiber haben Gefühle, und auch sie haben nur noch verdammt wenig Zeit (wenn überhaupt!), sich auf veränderte Umstände einzustellen. Himmel, sogar meine Kollegen und ich im Fernsehgeschäft müssen uns Gedanken über die Zukunft unserer Branche machen. Da können Buchhändler nicht auf ihr Recht auf Artenschutz pochen.

Wer allerdings keine Angst vor der digitalen Zukunft haben muss, das sind die Autoren. Zumindest solange ich noch da bin, werden sie immer noch mindestens einen Leser haben. Versprochen!

2 Gedanken zu „Lesen“

  1. Ich bin mit dir in vielen Punkten d’accord, wie wir Finnen sagen, insbesondere was den Beruf des Buchhändlers betrifft. Aber es gibt noch Dinge am E-Book, die entweder überwunden oder geändert werden müssen, bevor man davon sprechen kann, dass sie immer und unter allen Umständen besser als Papierbücher sind:
    • Verleih-, Verkaufs- und Vererbbarkeit ist nicht gegeben. Du sprachst es ja bereits an (das Vererben) und ich sehe keine praktikable Möglichkeit, immaterielle Bücher und Übertragbarkeit miteinander zu vereinen. (Ein Punkt, der wahrscheinlich überwunden wird. Man will ja mittlerweile auch Musik nicht mehr besitzen, sondern nur bei Bedarf streamen. Ähnlich wird es wohl bei Büchern enden.)
    • Prahlerei. Wenn ich nicht mit einer vollen Bücherwand angeben kann, sondern nur mit meiner wertvollen, differenzierten und natürlich hochwertig gebundenen E-Book-Bibliothek, dann fehlt mir doch etwas Sichtbares. (Werden wir zukünftig Cover ausdrucken und an die Wand hängen? Oder beschränken wir uns auf einen gut gepflegten Goodreads-Account? Oder werden wir gar die ganz tollen Bücher weiterhin auf Papier kaufen?)
    • Als Unterpunkt zur Prahlerei: Der umgekehrte Fall des Shades-of-Grey-und-Feuchtgebiete-Lesens, das angeberische Lesen von vermeintlich hochwertiger Literatur in der Öffentlichkeit. Geht nicht mit E-Books. (Aber mit einem gut gepflegten Goodreads-Account.)

    Wenn ich es mir recht überlege: Es sind wohl nur noch kulturell bedingte Nachwehen. In ein paar Jahrzehnten kann sich wahrscheinlich niemand mehr vorstellen, dass man zum Buchkauf in einen Laden gehen musste und dass man kilogrammschwere Klötze mit sich rumschleppte, die nur ein einziges Buch enthielten, nachts nicht leuchteten, bei denen man nicht schnell einen unbekannten Begriff nachschlagen konnte und sich nicht an Ort und Stelle mit Mitlesern austauschen konnte. (Aber die Haptik!)

    • Was das Vererben und Verleihen angeht: ich denke auch, dass es dafür Lösungen geben wird. Zum Thema Verleihen habe ich meine persönliche Lösung schon gefunden: Selbst ein rechtekontrolliertes E-Book von Amazon darf ich auf mehreren mit meinem Account verknüpften Geräten speichern und nutzen. Also habe ich es (beispielsweise) auf meinem Tablet, auf dem ich inzwischen die meisten Bücher lese; die Kopie auf dem Kindle dagegen kann dann auch jemand anderes lesen, von dem ich nur dann noch den Kindle zurückbekommen muss, wenn er gesehen hat, was für tolle Bücher ich sonst noch so habe… Was nicht geht: Zwei Menschen lesen gleichzeitig das gleiche Buch auf zwei Geräten, weil sich auf diese Art die gespeicherten zuletzt gelesenen Seiten gegenseitig in die Wolle kriegen.

      Was die beiden anderen Punkte angeht: Ich erinnere mich auch noch daran, dass Menschen Regalbretter für ihre Plattensammlung reservierten. Machen heute auch immer weniger Leute.

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