Leben im Biotop

The Unboxing of a Geeksphone
The Unboxing of a Geeksphone

Unboxing-Videos oder -Bilderstrecken waren mal originell. Damals, als das erste iPhone auf den Markt kam. Seitdem gucke ich bei sowas eher weg, aber Benjamin Kerensas Unboxing seines neuen Firefox-Telefons (Photo unter CC-Lizenz) habe ich mir angesichts seiner Recycling-Pappheit und seines Schwelgens in den 70er-Jahre-Farben braun und orange doch ganz gerne angeguckt. Und ich dachte dabei an die zwei Minuten vor einigen Wochen, als ich kurz davor war, selbst 100 oder 150 Ocken für ein FirefoxOS-Telefon rauszuhauen. Das ist nun wirklich nicht so viel Geld, aber auch wieder nicht wenig genug für einen Impulskauf (man wird ja auch älter und vielleicht sogar reifer!), weshalb ich den Impulsklick um einige Stunden zurückstellte. Und als ich zurückkam zum Onlineladen der Firma Geeksphone (was für ein herrlicher und zugleich völlig beknackter Name!), waren beide Versionen schon ausverkauft, und sie sind es bis heute.

Es war nicht nur eine Frage des Geldes. Es war auch eine Frage des Prinzips – die Frage nach der Offenheit (oder eben nicht) einer Plattform. Firefox und die Mozilla Foundation haben in dieser Hinsicht einen exzellenten Ruf, um Lichtjahre besser als beispielsweise die Open Headset Alliance, die Android entwickelt, und die unter der Führung von Google mal mehr, mal weniger offen agiert. Und doch machte ich mir Gedanken, ob ich das Android- und Google-Biotop, in dem ich mich gemütlich eingerichtet hatte, und dessen Vorteile (dazu gleich mehr!) ich gerne nutze, einfach so wieder aufbrechen würde.

Vielleicht hat’s ja keiner gemerkt, aber so zwei, drei Einträge zurück in der Timeline hatte ich in der Einleitung eine vergleichsweise steile These versteckt – die These nämlich, dass es inzwischen – mit der möglichen Ausnahme von Apple, dem einzigen Laden, der mit dem Verkauf von Hardware/Software-Paketen (genannt iPhone, iPad, iDings, iBums und Mac) noch richtig Schotter macht – egal ist, bei wem man seinen Netz- und Datenverarbeitungsbedarf deckt; wichtig ist nicht mehr der Lieferant von Hard- und/oder Software, sondern das Biotop, in dem man sich gerade aufhält, und in dem man verwertbare Spuren hinterlässt.

Die Informationsindustrie teilt sich inzwischen auf in Firmen, die Hardware verkaufen und dabei immer knapper kalkulieren müssen (dass Apple das nicht nötig hat, ist die eigentliche Leistung der Unternehmensführung!), und solche, die Software entwickeln und, jaha, immer seltener verkaufen (obwohl auch das noch vorkommen soll), sondern anderweitig zu Geld machen müssen. Das Zauberwort heißt „Dienste“, und Dienste wollen bezahlt werden, wenn der Dienstleister wirtschaftlich überleben will.

In diesem Zusammenhang verwenden Menschen, die sich als kritisch denkend ansehen, gerne das Zitat „Wenn du im Netz nichts bezahlst, bist du nicht der Kunde, sondern die Ware, die verkauft wird“ (oder so ähnlich). Nun will ich gar nicht abstreiten, dass der User im Netz verkauft werden kann, und sei es für blöd – aber es ist ja gar nicht so, dass wir im Netz nicht bezahlen – nur eben nicht immer mit Geld.

Wir zahlen mit unserer Aufmerksamkeit (wenn wir nicht gerade einen Werbeblocker einsetzen oder die Werbung schlicht ignorieren, soweit es möglich ist) oder – was viel häufiger der Fall sein dürfte – mit einer breiten Spur von Daten, die ausgefuchste Statistiker (also nicht ich) zu interessanten und vermarktbaren Profilen zusammenleimen können.

In den Biotopen (um den Begriff aus dem dritten Absatz aufzugreifen) der Neuen Welt kommt in zunehmendem Maße darauf an, wem wir unsere Daten als Bezahlung über den Tisch schieben. Je umfassender ein Biotop-Gärtner über uns Bescheid weiß, desto wertvoller werden wir für ihn – was unter anderem Grund für mich ist, immer mal wieder über die gleichmäßige Verteilung meiner Datenspuren an mehrere Anbieter nachzudenken.

Dass mir das im Falle Google/Android/Chrome immer nur so mittelgut, nein, eigentlich eher schlecht, gelingt, ist eine ganz andere Geschichte; dazu ist das Googletop schon zu gut abgestimmt – Microsoft ist mit seinem Outlook.com-Angebot auf dem Weg dorthin, Apple ist nicht erst seit Mobile Me (hier bitte eine kleine Schweigeminute einlegen!) in dieser Hinsicht abgeschlagen.

Zum Entsetzen des kleinen Datenschützers in mir entwickelt dagegen Google Produkte, von deren Nützlichkeit der konfuse Mensch des 21. Jahrhunderts nicht lange überzeugt werden muss. Google Now, zuhause auf jedem Android-Gerät mit Version 4.1 oder neuer, verfügbar aber auch für iOS, strickt aus meinem Terminkalender, meinem derzeitigen Aufenthaltsort, meinen über die Zeit protokollierten Bewegungen, meinen Suchanfragen (soweit ich sie über Google absetze und nicht etwa – ätsch! – über DuckDuckGo) und öffentlich zugänglichen Daten wie Verkehrs- oder Wetterinformationen erstaunlich praktische Hinweis-„Cards“, die mir auf Wunsch angezeigt werden. Dabei geht es mir nicht mit vergleichsweise ungezielter Werbung auf den Wecker, sondern zeigt mir nur, wo ich kriegen kann, wonach ich (bei Google) gesucht habe.

Ich gebe zu: Ich fand die Idee ein wenig gespenstisch – bis ich merkte, dass ich aus den Produkten von Googles Sammel- und Kombinationsarbeit einen Mehrwert beziehe. Ich bezahle also mit meinem Datenstrom nicht nur die Entwicklung und Bereitstellung einer Plattform (und die Dividenden der Google-Aktionäre), sondern erhalte eine auf mich zugeschnittene Informationsleistung.

Das klappt, versteht sich, umso besser, je weniger der Mensch seine Daten streut. Das klappt am allerbesten, wenn man auf allen Geräten, die man so nutzt, Kontakt zum Anbieter hält – weshalb ich bei aller Sympathie für Mozilla und Firefox (zurück zum ersten Absatz, wer nicht mehr weiß, wie ich jetzt auf die beiden komme!) erst einmal nachdenken musste, ob ich mein Biotop im Googleversum, das ich so kritisch betrachte, aber in dem ich mich so kuschelig eingerichtet hatte, durch den möglichenWechsel von Android zu einem anderen Betriebssystem und damit anderen Biotop gefährden oder zumindest – haha! – verwässern soll.

Ja, ich erkläre hier, wenn auch mit Bauchgrummeln, meine Bereitschaft, mit meinen Daten für die Leistung einer Datenkrake zu bezahlen: die Leistung eines persönlichen Assistenten, der mir (im Falle von Google Now auf meinem Telefon schon jetzt, im Falle von Google Glass demnächst von einem Brillengestell in Ihrer Nähe) meine Wünsche, nun ja, vorerst noch nicht von den Augen abliest und mir Informationen zur Befriedigung derselben bereitstellt.

Man kann es „persönlicher Assistent“ nennen – oder auch Big Brother. Ich bin mir nicht sicher, wie unsere Welt in dieser Hinsicht in fünf oder zehn Jahren aussehen wird. Ich bin mir aber sicher, dass das eine hochspannende, nicht unriskante, letztendlich revolutionäre Entwicklung sein wird. Stay tuned.

Abt. Hinter den Kulissen: Auch diesen Beitrag habe ich in Dave Winers Outliner Fargo geschrieben, einfach um zu wissen, wie es ist, ein längeres Stück mit viel Überlegen und ggf. mehrfachem Überarbeiten im Outliner zu erstellen. Ich mag Outliner an sich sehr, weil sie meiner Denkweise beim Sammeln und Bearbeiten von Ideen entgegenkommen; schon vor 15 Jahren oder mehr sahen meine Notizzettel, egal ob Einkaufsliste, Protokoll einer Pressekonferenz oder Planung zur Übernahme der Weltherrschaft, wie Outliner-Dateien aus, nur eben auf Papier. Warum ich das an dieser Stelle trotzdem eher beobachtend als aktiv weiterverfolgen werde, hat seinen Grund in der Umlaut-Problematik. Ich will nicht erst schreiben, dann als Markdown-Datei exportieren und gegenlesen müssen und dann erst, nach der Korrektur aller Umlautfehler, veröffentlichen können.