Lebe wild und gefährlich

Über die Jahre ändern sich die Maßstäbe. In den siebziger Jahren bedeutete „wild und gefährlich“ für mich, aus Flugzeugen zu springen, in den Achtzigern hatte es mit bewusstseinserweiternden Drogen zu tun, in den Neunzigern mit der Tätigkeit als freier Journalist in einem anderen Land.

Und jetzt, im Jahr zwei Corona, fällt schon ein einwöchiger Besuch bei der Schwester in München unter die Kategorie „wild und gefährlich“. Stundenlang im erstaunlich vollen ICE durchs Land gondeln, Restaurant- und Kinobesuche (im Kino mit 2-G-Kontrolle, im Restaurant ohne, und beide Male längere Zeit mit fremden Menschen ohne Maffke in einem Raum), andere Hausgäste beim Frühstück in der Küche, regelmäßige Blicke auf die Corona-Warn-App (immer grün, for what it’s worth!), und der Termin für den Booster erst in einem Monat… doch, das war eine Menge Wagemut für den geübten Home-Office-Eremiten.

Immerhin keine offensiven Maffkenverweigerer, keine erkennbaren Schwurbler, und der einzige Stress bestand darin, dass ich zu doof bin, mich fehlerfrei über fünf Meter Kopfsteinpflaster zu bewegen, und mich auf den Gehsteig der weltberühmten Leopoldstraße lederte. Immerhin nur drei Türen von einem Optikerladen entfernt, der mir dann die Brille wieder zurechtbog, ohne die ich vergleichsweise aufgeschmissen bin.

Anders als andere habe ich keinen spezifischen Grund, über Impfdeppen zu schimpfen. Und trotzdem könnte ich mich darüber aufregen, dass im Jahre zwei Corona, Impfungen bzw. vor allem Nicht-Impfungen immer noch ein Thema sind, dass die bereits erwähnte Schwester einigermaßen verwirrt von ihrem Alltag im Schuldienst erzählt (Maske, Nichtmaske, was denn nun?), und dass die erste Tagesschau zurück im heimischen Heim eindrucksvoll von der vierten Welle berichtet.

Lasst euch impfen, Deppen! Das Leben ist auch so schon wild und gefährlich genug. Mann…

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