Koordinatensystem

„Wer mit zwanzig nicht rot ist, hat kein Herz,
wer mit vierzig noch rot ist, keinen Verstand.“

Ich war ungefähr zwanzig, als ich diesen Spruch aus dem Munde eines Mitglieds der Schweizerischen Volkspartei hörte, also aus dem Munde eines Konservativen. Er war über vierzig, ich bildete mir ein, den Roten nahezustehen, und ich war schwer empört über die Aussage, dass linkes Denken vor allem eine Frage des Alters und damit der (Un-)Reife sei.

Inzwischen bin ich über fuffzich, die politische Farbe habe ich noch vor dem 30. Geburtstag gewechselt, wirklich konservativ, also schwarz-konservativ, habe ich aber erst ein einziges Mal gewählt, und dabei ging es um irgendeinen Bürgermeisterposten.

Orange Plakate
Orange Plakate

Was die Farbenlehre angeht, ist das Leben nicht mehr so übersichtlich wie vor dreißig Jahren. Inzwischen gibt es zwei große und mehrere Winz-Parteien in Deutschland, die sich als „rot“ bezeichnen; und seit die CDU meint, mit Orange (wie in „ukrainische Revolution“) mehr Punkte sammeln zu können als mit schwarz (wie in „John Player Special“, aber auch wie in „Pfaffenrock“), und seit auch noch eine Partei aufgetaucht ist, die ebenfalls Orange für sich in Anspruch nimmt, ist es gar nicht mehr so einfach, Wahlplakate schon nach Farbe in gut und böse einzuteilen.

Und dann behaupten diese Parteien auch noch, die gute alte geografische Einteilung von „links“ bis „rechts“ gelte nicht mehr. CDU, SPD und FDP schreien schon seit Jahrzehnten, sie – und sie allein – seien die jeweilige Partei der Mitte, was mit Ausnahme der Grünen von ganz links bis ganz rechts eine große leere Fläche und ein heftiges Gedrängel in der Mitte bedeuten würde. Ach ja, richtig: Die Linke behauptet natürlich auch nicht, eine Volkspartei der Mitte zu sein – das wäre schließlich irrwitzig und würde der eigenen Marke schaden.

Gleichzeitig aber behaupten die Piraten, sie seien weder links noch rechts, sondern „vorne“.

Zugegeben: Darüber habe ich mir, als ich es zum ersten Male hörte, heftig einen gegrinst. Fand ich erfrischend, den Versuch, das alte Koordinatensystem mit einem Schlag für erledigt zu erklären und sich gleichzeitig mal ganz nach vorne zu drängeln.

Nun haben auch führende Piraten erkannt, dass man auch ganz vorne nach rechts vom rechten Wege abkommen kann. Sozial schwer kompatible Mitpiraten beweisen durch ihre Beißreflexe angesichts berechtigter Kritik ihre soziale Kompatibilität – oder eben den Mangel daran. Und der eine oder andere aufrechte Demokrat zeigt sich shocked, shocked ob dieser politischen Blauäugigkeit.

Ich sehe das Problem an anderer Stelle. Blauäugigkeit ist in der Politik nicht angebracht; sie kann sogar gefährlich sein. Reparabel ist sie. Beißreflexe sind unschön, aber schlechtes Benehmen ist kein Privileg derer, die hinterm Rechner sitzen, sondern kommt überall vor.

Das Problem sehe ich eher im Vorsatz vieler Piraten, anders als alle anderen in der Politik Aktiven sein zu wollen, koste es, was es wolle. Das schließt für sie Provokation um der Provokation ein, das bedeutet, lieber nichts dazuzulernen als zurückrudern zu müssen, das heißt, sich vom Koordinatensystem unserer Gesellschaft, wie auch immer es aussieht (s.o.), nur um der Entfernung willen möglichst weit zu entfernen.

Für solches Verhalten gibt es ein Wort, und wir haben es schon in anderen Zusammenhängen gefunden: Fundamentalismus.

Sorry, aber es ist so. Und es gefällt mir nicht.