Kein Kommentar

Heute Mittag, beim Verzehr eines Ostfriesen Rinderhacksteak mit Hoppdipomm (nur echt mit dem Deppen Leerzeichen zwischen dem Ostfriesen und dem Rind), kamen meine Kollegen und ich auf ein altes Thema zu sprechen:

YouTube-Kommentare. Seufz.

Zu den Aufgaben meiner Redaktion gehört seit Jahren die Moderation der Kommentare, die YouTube-User zu den Videos meines Arbeitgebers hinterlassen. Seit Jahren predige ich jedem, der es (nicht) hören will, wie wichtig gerade für ein Medienunternehmen, das Demokratie und Meinungsfreiheit zum Markenkern zählt, die Redefreiheit in den Kommentarspalten ist. Auf den eigenen Seiten schaltet mein Arbeitgeber die Kommentarfunktion nur zu ausgewählten Themen frei; auf den (deutschen und englischen) YouTube-Seiten des Arbeitgebers habe ich immer für absolute Redefreiheit gekämpft.

Wie konnte ich nur?

YouTube sortiert vor. Zum Glück.
YouTube sortiert vor. Zum Glück.

Nicht erst jetzt, nicht erst im US-Wahlkampf 2016, auch nicht erst seit Merkels „Wir schaffen das“ (sorry, wir wollten das doch nicht mehr zitieren) nutzen Fäkalkommentierer die Möglichkeit, bei YouTube ihren Mist auszukippen. YouTube sortiert netterweise die schlimmsten Fälle schon mal aus (s.o.), aber es bleibt auch so noch genug gegenzulesen in den Kanälen, in die wir reichlich journalistische Videos hochladen, von denen sich viele mit Themen wie der Flüchtlingskatastrophe oder eben dem US-Wahlkampf befassen.

Nun ist das Löschen von Fäkalkommentaren die eine Sache; und sie (die Sache) geht einem schon genug an und auf die Nerven. Dazu kommt aber, dass sie (die Kommentare) überhand nehmen und sich kaum noch sachlich kritische oder gar positive Kommentare dazwischen finden. Sprich: Die Minderheit ist so laut geworden, dass sie sich im Biotop unserer YouTube-Kommentare inzwischen zu Recht als die Mehrheit ansehen kann – wenn auch kaum als die schweigende. Wer was konstruktives beizutragen hat – und ich gehe davon aus, dass es diese Menschen gibt, und dass sie eigentlich in der Rübezahl Überzahl sind -, will sich in dieser Nachbarschaft einfach nicht mehr wiederfinden.

Mein Vorschlag im Kollegenkreis, und demnächst auch in den Kreisen, die sowas bei uns zu entscheiden haben: Die Kommentarfunktion zu unseren YouTube-Kommentaren entweder ganz ab- oder nur noch zu gezielt ausgewählten, naturgemäß thematisch eher harmlosen Videos freizuschalten. Was für mich eine 180-Grad-Kehrtwendung ist und die Verabschiedung von einem demokratischen Diskurs. Was aber haben wir von diesem Diskurs, wenn er von denen gekapert wurde, die an einem echten Diskurs überhaupt kein Interesse haben? Ebent (mit „t“, weil Berlin).

Eine Frage, die ich mir einfach nicht beantworten kann: Warum verziehen sich diejenigen, die uns als Lügenpresse oder Mainstream-Medien beschimpfen (ich kann „mainstream“ übrigens nicht als Schimpfwort auffassen), nicht einfach in ihre alt-right– oder sonstige alt-Welt? Warum tun sie sich die Videos aus einer von demokratischen Grundsätzen geprägten Welt überhaupt an, wenn sie ohnehin wissen, dass diese Videos ihren vorgefassten Meinungen nicht entsprechen und kognitive Dissonanz (wofür haben wir den Buben schließlich studieren lassen?) auslösen, was wiederum zu Sprech- bzw. Schreibdurchfall in den Kommentarspalten sorgt? Warum nur, warum? Lasst es doch einfach.

2 Gedanken zu „Kein Kommentar“

  1. Vielleicht hilft KI: Wenn man eine Rechtschreib- und Grammatikprüfung über die Kommentare laufen lässt, kann man den Verbalkot der Brüllaffen weitgehend automatisiert nach dev/null verklappen. Dann wagen sich vielleicht auch wieder die Vernunftbegabten Zeitgenossen™ aus der Deckung.

    • Das ist ja, was YouTube mit den Kommentaren macht. Das Ergebnis ist oben im Beitrag abgebildet. Die KI ist aber nur mäßig intelligent, so dass bei Kommentaren zu einem Video zum Thema Nazismus die meisten Kommentare erst einmal im Fegefeuer landen, weil das Wort „Nazi“ in ihnen enthalten ist (deshalb bietet das Fegefeuer, wie abgebildet, auch die Möglichkeit, einen maschinell gesperrten Kommentar mit dem Häkchen für OK zu erklären und zu entsperren).

      Und natürlich ist es eine Frage des Thesaurus, der hinter der jeweiligen Sprache steht.

Kommentare sind geschlossen.