Kai Pahl, revisited

Beim Durchstöbern meiner Bookmarks (Quatsch, so lange hebe ich die gar nicht auf) – also gut, beim versonnenen Betrachten von mail.app, des E-Mail-Clients von Mac OSX, fiel mir wieder ein, was Kai Pahl vor mehr als sechs Jahren schrieb: HTML ist böse!!

Damit bezog sich Pahl natürlich nicht auf die markup language hinter jeder Webseite, sondern auf die Verwendung von HTML (oder so was ähnlichem) in E-Mail. Und mit diesem Artikel – und der etwas sachlicher formulierten, aber nicht weniger eindringlichen Zweitversion Vom Umgang mit der digitalen Post – beeindruckte er mich so stark, dass ich seitdem nur noch ein einziges Mal HTML-formatierte Mail verschickte. Aus Versehen, an einem fremden Rechner.

mail.app, der Mail-Client von Mac OSXNun saß ich eben vor dem leeren Fenster einer neuen Mail (writer’s block, der mich vom Schreiben abhielt? Nee, eher samstagnachmittägliche Stieseligkeit), starrte ins Weiße (l.), und mir fiel die Drohung von Apple Corp. ein, demnächst noch buntere E-Mail möglich zu machen. Wenn ich die sonst durchaus von mir geachteten Herren aus Cupertino richtig verstehe, wollen sie nicht nur, wie bisher, HTML-Mail ermöglichen, sondern aufs schwerste fördern.

Das macht mich nachdenklich. Sollte Pahl nach sechs Jahren nicht mehr recht haben? Und ich, der ich ihm bedingungslos und ohne nachzudenken (bis heute jedenfalls) gefolgt war, etwa auch nicht?

Reality check:

HTML-eMails sind ineffizient.

Da nicht nur die reine Textnachricht übertragen wird, sondern auch sämtliche Formatierungsanweisungen, werden mehr Bytes übertragen als eigentlich für die Informationübermittlung notwendig ist.

Noch schlimmer: Zur Anzeige der HTML-eMails müssen Systembibliotheken in das RAM geladen werden. Bei größeren HTML-eMails beansprucht Outlook5/Mac plötzlich 10MB mehr.

Pahl hat auch 2007 noch recht. Angesichts der Unmengen von Daten, die inzwischen mehr oder weniger sinnlos durchs Netz geschaufelt werden, und der luxuriösen Ausstattung der neueren Rechner mit RAM verliert das Argument allerdings ein wenig. Und Outlook5/Mac gibt es auch nicht mehr.

HTML-eMail ist nicht gleich HTML-eMail.

Es gibt keinen Standard für HTML-eMails! Zwar sind HTML-eMails im Grunde genommen nichts anderes als eine verschickte HTML-Seite. Aber im Gegensatz zu HTML-Dokumenten, gibt es hier keinen Standard was für einen HTML-Befehlsumfang die eMail-Programme beherrschen.

Mutt, ein textbasierter Mail-ClientKorrekt. Aber auch wurscht, denn die mir bekannten Mail-Clients gehen entweder einigermaßen sauber mit jeder hingerotzten HTML-Mail um – oder sie verstehen sie überhaupt nicht (r.) und übergeben den Textinhalt an einen text-only-Browser, der den bunten Firlefanz komplett ignoriert. Das rechts abgebildete Wundertier heißt übrigens mutt, ist neben mail.app meine Standard-Mail-Applikation, etwas schwierig zu konfigurieren, doch in diesen Tagen, in denen das Netz um die SDF ein wenig in Unordnung geraten ist, oft mein bester und einziger Freund, der mich nach dem Abschalten des IMAP-Servers noch an meine Mail lässt.

Spammers Friend!

Wie gesagt: HTML-eMails sind im Grunde genommen sowas wie verschickte HTML-Seiten. Sie können daher auch Bilder enthalten. Diese Bilder werden aber nicht mitgeschickt. Vielmehr werden sie beim Öffnen der eMail aus dem Internet nachgeladen.

Und da wird’s interessant. Denn so recht wie Pahl hier hat: jeder vernünftige Mail-Client des Jahres 2007 (darf sich jetzt jeder überlegen, ob sein Mailer dazugehört…) bietet die Möglichkeit, das Nachladen von Grafiken aus dem Netz zu verhindern. Also nicht mehr wirklich ein Argument.

Geld verbrennen!

Und just aus dem vorigen Punkt ergeben sich auch für Sie Kosten. Oder was meinen Sie wer die Leitungsgebühr für das Nachladen der Bilder bezahlen muß?

Flatrate, anyone?

Sie Internet-Analphabet!

Dieser Punkt ist ziemlich selbst-referenzierend. Weil HTML-eMails „böse“ sind, ist es schlichtweg nicht schick HTML-eMails zu versenden.

OK, das überzeugt mich.

HTMLer müssen draußen bleiben!

Wie der vorige Punkt ist auch dieser hier selbst-referenzierend. Weil HTML-eMails nervend sind, sind sie auf sehr vielen Mailinglisten verboten. Im schlechtesten Fall bekommt man dann hunderte von wütenden Protest-eMails zugeschickt. Im günstigsten Fall ist die Mailinglisten-Software so eingestellt daß ihre eMail gleich in den virtuellen Lokus wandert ohne je das Licht der Öffentlichkeit erblickt zu haben.

Ja. Auch recht. Ich habe meine vorletzte Liste vor etwa einem Jahr verlassen, und die letzte ist eine inaktive Google Group. Interessiert mich also wenig.

Nun bringt Pahl in dem zweiten oben verlinkten Artikel noch ein paar weitere Argumente für text-only-Mail, und insgesamt haben seine Argumente von 2001 noch nicht allen Saft verloren. Aber durch die Nutzung alternativer Mailer (gibt es wirklich noch Menschen, die Outhouse Express nutzen?), sicherheitsbewußtere Einstellungen und die veränderten Rahmenbedingungen des Netzes von 2007 sieht HTML-Mail doch gar nicht mehr so böse aus. Oder doch?

Ich bleibe noch ein wenig auf der Seite der Texter. Sicher ist sicher.