Jahrestag

An alle, die mir heute in der einen oder anderen Form begegnen: Sollte ich im Laufe dieses Tages einen abwesenden Eindruck machen, dann bin ich wieder in Washington, an diesem strahlenden Spätsommertag, in den ein Anruf aus der Redaktion in Berlin schrillte, und an dem plötzlich alles anders war.

Ich bin wieder auf dem Weg ins Büro und sehe die schwarze Wolke über dem Pentagon aufsteigen. Ich sehe wieder die blassen Gesichter meiner Mitarbeiter, sehe im Fernsehen die rauchenden Türme, sehe sie einstürzen. Ich sehe das Objektiv der Kamera, in die ich hineinspreche, ohne selbst zu verstehen, was wirklich geschehen ist. Ich sehe die Panik auf den Straßen Washington, die abgelöst wird von eine gespenstischen Ruhe. Ich sehe die Panik in New York (im Fernsehen), sehe die Bilder, die mich seit fünf Jahren nicht mehr loslassen, brauche heute keine Fernseh-Dokus oder Zeitschriften-Specials, denke nicht an das, was seither schiefgelaufen ist, sondern denke nur an den Tag, als die Flugzeuge zu Waffen wurden, als Tausende starben und Tausende verloren, was ihrem Leben Sinn gab.

Wenn ich also etwas abwesend heute bin: Ich bin wieder bei den Opfern des 11. September. Und es hilft nicht mir und auch niemand sonst, mich da wegholen zu wollen. Ich will weder bedeutende Analysen noch überraschende Erkenntnisse noch hohle Theorien noch die fünfhundertste mediale Aufbereitung.

Dieser Tag gehört den Toten, niemand sonst.