„…ist das sofort, unverzüglich.“

Ein Teil der Lichtgrenze
Ein Teil der Lichtgrenze

Der Mauerfall fand ohne mich statt. Und das kam so:

Ich arbeitete damals für den RIAS, den Rundfunk im Amerikanischen Sektor von Berlin. Im Herbst 1989, nein, eigentlich schon seit dem Sommer waren wir, meine Kollegen und ich, im Dauereinsatz, was die Entwicklung zwischen Ost und West anging. Im Sommer hatte ich in Budapest DDR-Bürger getroffen, die gerüchteweise etwas von der Öffnung der ungarischen Grenze nach Westen gehört haben wollten – wenig später war es soweit. Und im Oktober machten sich fast täglich Kollegen, die noch einen Wohnsitz in Westdeutschland, also der alten Bundesrepublik, und deshalb auch noch einen westdeutschen (statt West-Berliner) Personalausweis hatten, auf den inoffiziellen Weg nach Ost-Berlin – offiziell hatten wir Mitarbeiter des amerikanischen Hetzsenders rund um den Republikgeburtstag keine Chancen auf die Einreise.

Daneben gab es aber auch noch das Tagesgeschäft, und dazu gehörten Dienstreisen, die nichts mit der aktuellen Entwicklung zu tun hatten. Auf einer solchen Dienstreise befand ich mich am 9. November 1989. Ich hatte in Ludwigshafen erledigt, was zu erledigen war, und mich dann mit meiner Schwester, die damals in Mannheim wohnte, zum Abendessen getroffen. Danach brachte ich meine Schwester zum Nachtzug nach Wien und kam ungefähr eine halbe Stunde vor Mitternacht zurück ins Quartier, rechtschaffen müde, wie das so bekloppt heißt.

Noch kurz etwas fernsehen, dann schlafen, am Morgen dann zurück nach Berlin – das war der Plan. Aber warum redete Hanns Joachim Friedrichs noch, um diese Zeit? Die Tagesthemen müssten doch längst vorbei sein. Und vor allem: Was redete er da? Mauer offen?

Nun, liebe Kinder: 1989 hatten wir noch keine Handys. Im Grunde hatten wir gar nichts, und in meinem Falle hieß das vor allem: keine Ahnung.

Ich rief sofort in der Redaktion an (doch, Telefone, die mit Kabeln an der Wand befestigt waren, hatten wir schon, damals, 1989!) und wunderte mich kaum, um Mitternacht dort jemand zu erwischen. Ich besprach mit meinem Chef, was zu tun sei: Nach Berlin würde ich so schnell nicht durchkommen, zumal dort schon genug Kollegen als Reporter unterwegs waren, also würde ich mir am nächsten Morgen ein Mietauto besorgen, nach Herleshausen an die Grenze fahren und gucken, was dort so los ist. Und weil ich ja live berichten sollte, durfte ich mir ein Auto mit Autotelefon (doch, das gab es, war nicht mit einem Kabel an der Wand befestigt, war aber auch nicht mit einem heutigen Handy zu vergleichen!) nehmen. Das kleinste verfügbare Auto mit Telefon, genau genommen: das einzige, das sie noch hatten, war ein Mercedes 300 E, etwas, was mir noch Ärger mit der Reisestelle bereiten könnte (aber nicht tat – damals war alles möglich).

Am Morgen kam ich in Herleshausen an der Grenze an, parkte meinen 300er neben den teuren Mietwagen der Kollegen, die die gleiche Idee gehabt hatten, und stellte wie meine Kollegen fest, dass der Grenzübergang in einem Funkloch lag. Das führte eine Zeitlang zu unschönen Szenen rund um die einzig verfügbare Telefonzelle, solange, bis ein Ü-Wagen des Hessischen Rundfunks und ein Montagewagen der Deutschen Bundespost auftauchten und die Postmenschen die Telefonzelle abklemmten, weil ab sofort der hr die Leitung brauchte. Blöd für die Print-Kollegen, gut für den Rundfunkmann vom RIAS, der den Ü-Wagen mitbenutzen durfte.

Dann also: Interviews an der Trabant-Schlange, Beiträge live und aufgezeichnet. Dabei immer das Gefühl, nicht wirklich unbeteiligter Reporter zu sein, denn: Was sich hier tat, machte uns alle zu Mitwirkenden. Dann die Idee, in einem Trabant mitzufahren, um die ersten Stunden zweier Thüringer im Westen zu verfolgen. Das waren dann ungefähr die einzigen 20 Minuten, die ich je in einem Trabant gesessen hatte – weil das Ding innen so ohrenbetäubend laut war, dass ich keine brauchbaren O-Töne aufnehmen konnte. So kam es, dass zwei Thüringer und ein Berliner Reporter nach dem Empfang des Begrüßungsgeldes (für die Thüringer) zurück zur Grenze fuhren und dort in den Mietmercedes umstiegen, um damit Herleshausen und Umgebung zu erkunden.

Im Chaos machte ich dann noch einen tiefen Kratzer in den Mercedes (egal!), schnitt und überspielte meine Reisereportage nach Berlin, telefonierte von einem Hügel mit Funkverbindung aus mit meinem Chef, erfuhr, dass ich mit dem Auto wohl kaum nach Berlin käme, weil die Autobahn-Übergänge alle gleich dicht seien, und fuhr mit einem Affenzahn zurück nach Frankfurt, um die letzte Pan-Am des Tages nach Berlin zu erwischen.

Am Pan-Am-Schalter großes Gedränge, wildes Kreditkartengefuchtel und dann noch ein Platz in der schnell ausgebuchten Maschine. Nach der Ankunft in Tegel dann: Totenstille. Die BVG hatte den Busverkehr zum Flughafen eingestellt, weil sie die Busse anderswo brauchte, und die Taxis hatten es ihr nachgetan. Es folgte also ein nächtlicher Fußmarsch bis zur U-Bahn am Jakob-Kaiser-Platz, und dann, 29 Stunden nach Schabowskis unsterblichem Gestammel („Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“), war ich endlich auch in der Stadt mit der offenen Mauer angekommen.