Inneres ARRRH!

Andernorts denkt man schon wieder schneller als ich (was kein Wunder ist, wenn unsereiner einen freien Tag nutzt, um Schlafmangel zu kompensieren – was seinerseits nur ein Euphemismus für einen verpennten Nachmittag ist, aber egal). Andernorts denkt man ebenfalls über das eigene Verhältnis zu den Piraten und über das Verhältnis mancher Piraten zu ihrer politischen Umgebung nach und kommt zu weitgehenden Ergebnissen:

Kann es vielleicht sein, dass das gar nicht unsere Revolution ist? Kann es sein, dass sich dort eine Generation politisiert, der die politische Kultur, die wir schon auftragen mussten, viel zu muffig ist? Zu verkopft und akademisch? Dass sie mit ihrer Lebensrealität schlicht nichts zu tun hat, oder wenn, nur eine untergeordnete Rolle spielt?

Aha. Piraten – drei mindestens: Bodo „Holocaust?“ Thiesen, Andreas „Interview“ Popp und jetzt Jens „Fragebogen“ Seipenbusch (kein Link auf seine 5 minutes of fame in der Jungen Freiheit) – haben entweder gar keine oder nur sehr späte Bedenken, in einem braun getönten Umfeld zu erscheinen – Thiesen mit eigenen Meinungsäußerungen, die ihm piratenintern schon berechtigte Probleme bereitet haben, die beiden anderen mit durchaus abgrenzenden Äußerungen nach rechts, aber eben in einem rechten Ideologieblatt. Und die machen das, weil sie, frisch und unbelastet von den jahrelangen Diskursen der Republik, die Politik erst jetzt entern?

Kann es vielleicht sein, dass das gut so ist? Dass genau dort die Chance auf eben all dies besteht, was wir nicht hinbekommen haben? Eine Jungendbewegung. Mit eigenen Inhalten, eigenen Forderungen,eigenen Notwendigkeiten? Und dass wir – egal wie progressiv wir uns auch wähnen – die alten Meckerköppe sind, die jetzt rumkrakelen, weil die Jugend nicht nach unseren Regeln spielt? Diese ungewaschenen Gammler, die!

(Weil ich die Diskussion ein wenig ungeordnet verlinkt habe: Auch dieses Zitat stammt wieder aus der Ecke, in der man schneller denkt als ich.)

Mag sein. Mag sein, dass ein in der Vergangenheit verwurzeltes Gefühl des politischen Ekels gegenüber Rechtsextremen mit der Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts nicht mehr zu tun haben muss. Mag auch sein, dass die US-amerikanische Version von Meinungsfreiheit – die mir seit meinen Jahren auf der anderen Seite des Ozeans durchaus vertraut und nahe ist – einer Demokratie würdiger ist als das „Spiel nicht mit den rechten Schmuddelkindern“ der inzwischen um 20 Jahre verlängerten Republik (West). Mag sein, dass das von Popp und Seipenbusch geäußerte „Rechts ist bäh“ (gut, etwas differenzierter haben beide es formuliert) wirksamer ist als die demokratische Quarantäne, die unsereiner lebenslang über die Nazis verhängt hat („jeder Kontakt mit denen dient doch nur dazu, sie zu legitimieren“).

Ja, es ist so, dass es Nazis in unserem Land gibt, und durch Wegschauen werden sie nicht weniger.

Und trotzdem, verdammt noch eins, wünsche ich mir, dass Menschen, die eine mir nach wie vor lohnenswerte Idee nach außen repräsentieren, zuerst das Gehirn einschalten und dann das Mundwerk, neue Generation des politischen Diskurses oder nicht.

Für eine persönliche Three-strikes-Regel ist es schon zu spät. Aber spätestens jetzt werde ich mir rechtes Geschwurbel auf Parteiveranstaltungen, pseudopragmatisches Gelaber in Mailing-Listen und unbedachte Kontakte nicht mehr mit der Unerfahrenheit oder alternativen Politikauffassung der Akteure erklären lassen. Und meine Wahlentscheidung, hallo Piratenpartei, bleibt bis zu dem Moment offen, in dem ich in die Kabine trete.

Und ja, ich bin ein krakeelender Meckerkopp. Sue me.