Information overload

Wen wir mal für einen Augenblick das Gedöns um Wikileaks, Mr. Assange und die undiplomatische Diplomatie der Amerikaner, Hysterie hin oder her, außer Acht lassen könnten?

Dankeschön.

Die Sache ist nämlich die: Wir leben in der post-industriellen Ära, in der gerne und gedankenlos so genannten Informationsgesellschaft. Wir begründen das damit, dass unser liebstes Spielzeug, der Computer in all seinen Erscheinungsformen nur eins wirklich verarbeiten kann: Informationen, weshalb eine Gesellschaft, die sich vor Monitoren aufhält oder, wie Schreiber dieses, über ein Tab beugt, zwangsläufig eine Informationsgesellschaft sein muss. Darüber hinaus ist unsere Gesellschaft die erste, die aus reiner, immaterieller Information (und ihrer Zwillingsschwester, der Desinformation) ganze Wirtschaftswunder mitsamt anschließender Börsencrashes erzeugt hat.

Wie sehr diese Gesellschaft aber schon zur informationell gesteuerten Gesellschaft geworden ist, das wird den meisten von uns erst jetzt, also in den folgenden Wochen und Monaten wirklich klar werden (mir zum Beispiel heute abend). Aber hallo!

Die Veröffentlichung amerikanischer Diplomatenpost – ich bleibe bei allem Begeisterungs- respektive Wutgeheul dabei – ist dabei weder besonders innovativ, noch ist sie sonderlich relevant.

Denn erstens ist der Inhalt größtenteils banal, wenn auch erfrischend unhöflich. Zweitens – und das ist dem Wikileaks-Prinzip vorzuwerfen – ist der Kram ungefiltert, unsortiert, nicht aufbereitet. Was Wikileaks-Fans als Authentizität feiern, ist in Wirklichkeit die größte Schwäche der Leaks: Sie liefern eine Unmenge von Mosaiksteinen, die in der gelieferten Form gerade nicht ein verlässliches Bild der Realität liefern. Wichtiges und unwichtiges pladdert hier durcheinander, und niemand kann sagen, welche relevanten Informationen noch fehlen.

Und drittens…

Drittens sind die geleakten Dokumente echt; das zeigt schon das wütende Aufjaulen der berufsmäßigen Geheimniskrämer.

Wirklich interessant wird es aber doch erst, wenn bei lancierten (um das Wort “geleakt“ mal in den Vorruhestand zu schicken) Informationen nur noch schwer oder sogar gar nicht mehr zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterschieden werden kann.

Dann, liebe Gemeinde, wird Information zur Waffe, mit der sich alles erreichen lässt: Terror ohne physische Gewalt, beispielsweise, aber auch ein politisch nutzbares Klima der Angst.

So gesehen, leben wir nun schon einige Jahre in der Informationsgesellschaft. Zeit, dass wir lernen, souverän damit umzugehen.