In Sachen Seinfeld

Seinfeld war in den neunziger Jahren des von mir gerne zitierten letzten Jahrhunderts eine US-Fernsehserie, geschaffen von dem New Yorker Stand-up-Comedian Jerry Seinfeld und seinem Partner Larry David. Seinfeld war die damals erfolgreichste Sitcom, ein Muss für alle Amerikaner, die sich für denkend, liberal, ostküstenaffin hielten. Auch ohne US-Staatsbürgerschaft zählte ich mich zu dieser Zielgruppe. Seinfeld war stilbildend, ironisch, selbstbezogen, sehr Nineties eben.

Auch heute gucke ich mir gelegentlich noch Seinfeld-Folgen an, auf DVD, und selbstverständlich im Original, denn die deutsche Synchronisation geht ja überhaupt nicht™.

Umso erfreuter war ich, als vor einigen Wochen Jerry Seinfeld unter der Adresse jerryseinfeld.com seine Personal Archives (er)öffnete. Zwar ist das nicht ein Archiv, wie ich es mir vorstelle, aber immerhin sind jeden Tag dort drei Clips aus den Archiven zu finden, Ausschnitte aus Bühnenprogrammen und Talkshowauftritten des Jerry S.

Was soll ich sagen? Ich bin entsetzt. Nun geben drei Ausschnitte pro Tag ganz bestimmt nicht die ganze Bandbreite eines kreativen Menschen wieder; die Auswahl über die letzten Wochen hinweg zeigt mir aber die Auftritte eine Menschen, der durchaus nicht so vielseitig und kreativ erscheint, wie ich ihn in Erinnerung habe. Die Clips enthalten zu einem erschreckend hohen Anteil „What is it with…[insert somethin moderately funny here]?“-Witze, also die Beschreibung und nachfolgende Verscheißerung eines Zustandes, einer Person, einer menschlichen Verhaltensweise etc.

Mal ganz davon abgesehen, dass sich Seinfeld der Comedian in Seinfeld der Serie schon das eine oder andere Mal über diese Art des professionellen Witzemachens und ihre Unzulänglichkeit lustig gemacht hat – was wir sehen, ist ein von Jahr zu Jahr alternder (OK, das tun wir alle), aber nicht lustiger werdender Mensch, der auf der Bühne zum Schreien neigt (was eigentlich nie souverän ist), Witze über Frauen und das Verheiratetsein reißt und eine bemerkenswerte Unsouveränität im Umgang mit dem Leben an sich zeigt. Im Grunde sehen wir Mario B. für amerikanische Intellektuelle.

Es mag sein, dass Seinfeld absoluter Profi ist und nur die Erwartungen seiner Kundschaft bedient (wie es auch Mario B. zu unterstellen ist). Das Lachen lässt darauf schließen (der wirtschaftliche Erfolg Seinfelds auch), und in diesem Falle gehöre ich eben nicht (mehr) zur Zielgruppe des Seinfeld’schen Humors.

Schade ist es trotzdem.

3 Gedanken zu „In Sachen Seinfeld“

  1. Danke für den Hinweis — dann werde ich mir die Clips in diesem Archiv klemmen. Ich kuck nämlich auch gerade einige Folgen auf DVD, und nach unserer NBC Studio Tour in New York war ich total verzückt, die „Let’s do a show about nothing“-Folge in voller Länge gesehen zu haben.

    Wär also schade, sich den Rest der Staffeln zu versauen…

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