Im Rückspiegel

Nostalgie ist doch was Seltsames. Da kommt sie plötzlich mit Rückblicken auf Musik oder Druckwerke an, und mir bleibt nichts übrig, als das aufzuschreiben. Aber selbstverständlich geht das noch weiter - und weiter zurück.

Da habe ich in, sagen wir mal: familiär turbulenten Zeiten vier Jahre im Berliner Stadtteil Dahlem gelebt, und trotz der Turbulenzen denke ich fast schon sehnsüchtig an die Altbauwohnung im Erdgeschoss zurück (besonders, wenn es hier im Sommer wieder 35 Grad hat und ich das Wohnzimmer mit dem großen Fenster nach Süden mit dem in Dahlem vergleiche - nicht nur im Erdgeschoss, sondern auch nach Norden und mit dicken Mauern - hach!). Oder die drei Urlaube zwischen 2006 und 2010, die wir (damals war es ein "wir") in einem winzigen Haus in Schweden verbracht hatten, und die mich buchstäblich aufseufzen lassen, wenn ich daran denke - auch wenn ich wahrscheinlich nie wieder in das Haus auf dem Felsen über dem Wasser und in absehbarer Zeit nicht einmal nach Schweden zurückkehren werde. Oder - wenn wir schon mal bei Ferien sind - die Sommer der Kinderzeit auf dem Hof in Niederbayern oder später die in dem Ferienhaus in Italien, und natürlich die Zeit in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin.

Alles völlig normal, Ferienerinnerungen sowieso, und je weiter zurück sie gehen, umso goldener sind sie. Hat es jemals geregnet in diesen Sommerzeiten? Nö. (Natürlich doch.)

Seit einiger Zeit lerne ich aber eine neue Form der Nostalgie kennen - nachts bzw. frühmorgens, wenn die Träume intensiv sind und ich mich noch daran erinnere.

Offenbar habe ich da noch ein paar nicht aufgearbeitete Dinge aus der Zeit von 1996 bis 2003 am Laufen. Denn neuerdings träume ich verblüffend oft davon, alles hingeschmissen zu haben und zurück nach Washington gegangen zu sein. Versteht sich, dass diese Zeit für mich beruflich wie privat eine wichtige Zeit war - immerhin ist meine Tochter dort zur Welt gekommen, ein Präsident regierte, den man in dieser Rolle ernst nehmen konnte, und auch sonst war es eine gute und spannende Zeit. Das aber spiegelt sich in den Träumen nicht wieder: Dort geht es immer darum, dass ich unerwartet in Washington aufkreuze, eigentlich nichts dort zu tun habe, auch von den Freunden, die ich im Traum wiedertreffe, eher zurückhaltend angeguckt werde... Das geht soweit, dass ich sogar - im Traum - denke: Wenn die mich hier nicht haben wollen, warum träume ich den Quatsch dann?

Das Erstaunliche daran ist aber, dass das in meiner "echten" Washingtoner Zeit ganz anders war. Was für eine Form von Nostalgie zwanghafter Erinnerung, bitte, erzeugt dann diese Träume? Wer hat das bestellt?

Diese Frage finde ich umso berechtigter, als Nostalgie ja sonst zuverlässig gutes Erinnerungs-Tuning bietet: Sonnenwarme Erinnerungen, und die Schattenseiten werden mit Rücksicht auf das seelische Wohlbefinden ausgeblendet. Wer erinnert sich schon gerne an den ersten oder auch den siebzehnten Liebeskummer, den Wehrdienst oder - wenn wir schon mal in den Siebzigern sind - den deutschen Herbst? Ich nicht.

Herr Ober, meine Nostalgie ist kaputt!