Höhere Gewalt

Seit dem Polizeieinsatz im Stuttgarter Schlossgarten (SpON-Link, vor allem für Leser aus späteren Zeiten) hat der Begriff „Höhere Gewalt“ für mich eine neue Bedeutung bekommen. Es ist ganz und gar keine gute Bedeutung. Dort ist etwas außer Kontrolle geraten – und es sind nicht die Proteste gegen Baumfäll-Aktionen zugunsten des Bahnhofsneubaus. Es ist eine Polizeitaktik, die offenbar keine Rücksicht auf Alter und Motivation der Protestierenden nimmt.

Das Bild des Mannes mit den blutenden Augen – ob er durch Gewalt, durch Staatsgewalt, nun erblindet ist oder nicht, darüber gehen die Berichte auseinander – ist ein PR-Desaster allererster Sorte für alle Befürworter des Bahnhofsneubaus. Mein Bedauern über dieses Desaster hält sich in arg engen Grenzen. Ich bin gespannt, wie die Befürworter – von der schwäbischen Obrigkeit über den Bundesverkehrsminister, den amtierenden Bahnchef bis hin zur Kanzlerin – versuchen werden, die Bilder des Tages, allen voran das von den blutenden Augen, zu ignorieren, wegzureden.

Ehrlich gesagt: Bis heute war mir ziemlich wurscht, ob ich künftig schneller von Paris nach Bratislava komme, oder wie die Stuttgarter ihre S-Bahn erreichen. Seit heute zähle ich mich zu den entschiedenen Gegnern aller, die diesen Bahnhof gegen den Widerstand eben nicht nur schwäbischer Spontis, sondern eines großen Teils der schwäbischen Mittelschicht mit aller Gewalt – ganz offensichtlich mit aller Gewalt – durchsetzen wollen.

Ich erwarte Ihre Rücktritte, meine Herren.