Hilferufe

Fast fünf Jahre nach dem 11. September 2001. Der Schock sitzt immer noch tief in den Knochen, und dass das auch so bleibt, dafür sorgen schon die Interessierten auf beiden Seiten in hübsch gleichmäßigen Abständen. Es reicht ja schon, dass Mensch A am 11. September 2006 lieber frei nimmt und zuhause bleibt, Mensch B am Flughafen die Mitnahme von Baby-Öl verteidigen muss und Mensch C ab sofort Regionalzüge meidet. A, B und C fügen sich dem Willen derer, die Hass predigen oder Angst schüren, egal ob auf der Seite der Urheber oder der der möglichen Ziele.

Mit immer neuen Anschlägen, mutmaßlichen, geplanten, ausgeführten und auch danebengegangenen, halten sie die Angst in uns wach – gerade soweit, dass wir unser Leben nicht mehr so leben, wie wir es gewohnt waren. Der schwerste Schlag dagegen, dieser sonnige Dienstag im September, der die westliche Welt veränderte, gerät zum Abstraktum. Die Bilder der brennenden Türme, der Staubwolken in den Straßen Manhattans, der ungeheuren Trümmerhaufen im Herzen des financial district von New York sind längst schon Ikonen des jungen Jahrtausends, und es wird nicht mehr lange dauern, bis ein neuer Warhol sie verfremdet, in Siebdrucktechnik vervielfältigt und handsigniert unters Volk bringt.

Währenddessen nutzen Regierende in dieser Welt den 11. September, um ihre politischen Ideen damit zu begründen. Aber das wissen wir ja schon.

So nicht, sagte der amerikanische Erzähler Garrison Keillor und fordert, auf die Stimmen der Toten zu hören – buchstäblich. Die Notrufe der Eingeschlossenen in den obersten Stockwerken der Türme sind aufgezeichnet, sind archiviert – und werden der Öffentlichkeit vorenthalten, angeblich aus Datenschutzgründen. Nun ist der Datenschutz möglicherweise das letzte, worum sich die Hinterbliebenen der Toten vom 11. September Sorgen machen.

It was painful to hear the woman in anguish on the 83rd floor of the World Trade Center, crying, „I’m going to die, aren’t I? I’m going to die.“ Melissa Doi was 32, beautiful, with laughing eyes and black hair. She was lying on the floor of her office at IQ Financial, overwhelmed by smoke and heat, calling for help. And then there was Kevin Cosgrove on the 105th floor, moments before it collapsed, gasping for breath, saying, „We’re young men, we’re not ready to die.“ And then he screamed, „Oh my God“ as the building started to collapse.

Es hilft den Opfern und ihren Familien nichts, wenn wir noch einmal über diesen Septembermorgen in New York und Washington nachdenken, uns vorstellen, was an diesem Tag auf dieser Welt geschehen ist (in meinem Fall sogar in mittelbarer Nachbarschaft – auf dem Weg ins Büro sah ich die schwarzen Wolken über dem Pentagon aufsteigen). Aber es hilft uns, Klarheit zu bekommen über Menschlichkeit und Unmenschlichkeit, über Unschuld und Schuld. Und vielleicht wird dadurch unser Verhältnis zu dieser Welt auch ein bisschen klarer.