Hier bin ich

Kurzer Kontrollblick in die rechte Spalte der Hauptseite: In dem Augenblick, in dem ich dies schreibe, schwebt eine riesige Sprechblase, die ein etwas unscharfes Foto von mir zeigt, über dem Berliner Stadtteil (Ex-Bezirk) Prenzlauer Berg und zeigt, wo ich dies schreibe. Wenn Sie dies lesen, kann die Sprechblase schon wieder anderweitig schweben und anzeigen, wo ich mir gerade keinerlei Gedanken darüber mache, wer jetzt sieht, wo (ungefähr) ich mich aufhalte.

Welcome to the location-aware web! Willkommen in der wunderbaren Welt der Verortung!

Angefangen hat das alles vor, wenn ich mich richtig erinnere, bald fünf Jahren. Damals erhielt ich die Einladung, mich bei einem Dienst namens Plazes anzumelden; dieser Dienst versuchte – oft sogar erfolgreich – anhand meiner IP-Adresse herauszufinden, wo ich bzw. mein Rechner sich gerade befand, und meldete mir so physische Nähe zu meinen ebenfalls bei Plazes angemeldeten Freunden. Nun habe ich leider gar keine Freunde, kam mir also immer noch ziemlich allein auf dieser Welt vor. Was aber noch schlimmer war bzw. ist: Plazes kam in einer Welt der ständig wechselnden IP-Adressen nicht so recht zurecht, wusste zwischendurch nicht so wirklich, wozu es eigentlich da ist, machte seinen Benutzern durch unnötige Schritte bei der Benutzung das Leben schwer und wurde irgendwann an Nokia verkauft. Was die Finnen mit Plazes vorhaben, weiß ich nicht.

Auftritt Brightkite. Dieser Dienst ist erheblich jünger als Plazes, ein Kind des Twitter- und Facebook-Zeitalters, und hat (und macht es seinen Nutzern) daher erheblich leichter. Brightkite überlässt die Verortung (also die Antwort auf die Frage „Wo bin ich eigentlich?“) seinen Nutzern, bietet aber durch die Kombination von Google Maps mit der Verlinkung mit Microblogging und Social Networking die Möglichkeit, den eigenen Status und Standort in alle möglichen Richtungen zu pusten. Und mit Fireeagle von Yahoo! kamen einige interessante Verknüpfungen dazu: Wikipedia-Einträge über die Dinge in meiner Umgebung, Hinweise zum nächsten Taxistand etc. Brightkite hatte eine ganze Zeitlang einen festen Platz in meiner Sidebar.

Seit einigen Tagen nun übernimmt Google Latitude, Ihnen mitzuteilen, wo ich bin – oder auch nicht. Kurzer Hintergrund: Nach der Vollwässerung meines iPhones machte ich spaßeshalber aus einem etwas älteren Nokia mein ganz persönliches Googlephon – ganz einfach, weil ich zur Selbstorganisation sehr auf Mail und Kalender-Synchronisation angewiesen bin und das bis zur Lieferung eines Ersatzgerätes mit Google-Diensten am schnellsten und leichtesten hinzukriegen ist. Das Spielkalb in mir installierte auch die aktuelle Version der Google-Maps für Symbian-Telefone und ist seither an Google Latitude angeschlossen: Wenn Google Maps im Hintergrund läuft (und ich ihm die Erlaubnis dazu gebe), aktualisiert es laufend meinen geographischen Standort auf Basis von GPS und lokalen Peilungen und meldet ihn nach Hause – auf die Karte in der rechten Spalte von bluelectric.org. Und wie Plazes fünf Jahre früher zeigt Latitude mir an, welche meiner Freunde (soweit ebenfalls bei Latitude angemeldet) gerade in meiner Nähe sind. Und wie vor fünf Jahren habe ich leider immer noch keine Freunde. Jedenfalls nicht bei Latitude.

Bleiben drei Fragen. Hier die Antworten:

  1. Für die allermeisten von Ihnen ist die Information, wo ich bin, ungefähr genauso bedeutend wie ein hingegrunztes „Mrgn“ im Twitter Ihres Vertrauens. Also eher nicht, abgesehen von dem „Du bist nicht allein“-Effekt.
  2. Entgegen allgemein verbreiteter Annahmen bin ich auch weiterhin ausgesprochen am Datenschutz interessiert. Doch, wirklich. Und wie seine Vorgänger kann auch Latitude nur die Daten über meinen Verbleib speichern, die es kennt. Wenn nämlich die drohend über Stadtteilen hängende Sprechblase grau ist, hat mein Henndie auf mein Geheiß hin aufgehört, meinen Standort festzustellen und weiterzumelden, und ich könnte mich auch ganz woanders aufhalten (was aber gerade jetzt nicht der Fall ist. Na, schon verwirrt!).
  3. Auf der anderen Seite bin ich mir aber durchaus bewusst, das es das buchstäbliche Gratis-Mittagessen auch im 18. Jahr des WWW („There’s no such thing as a free lunch!“) nicht gibt, und dass auch Gratis-Dienste sich irgendwie finanzieren. Die Währung, in der wir bezahlen, sind Daten. Unsere Daten. Und je mehr Daten wir preisgeben, desto nützlicher wird uns der vermeintliche Gratisdienst. Das gilt auch, erst recht und überhaupt für den größten Datensammler und Anbieter bester Dienste, Google.

Datenverweigerer können auch im Netz leben, will ich damit sagen. Sie haben nur nicht soviel davon, und jeder muss für sich wissen, wieviel Netz er mit seinen Daten zu bezahlen bereit ist.

Zurück zum verorteten Netz – denn natürlich geht es weiter. Gerade heute las ich von Glympse, einem Dienst, der ebenso wie Latitude automatisch gefüttert wird (bzw. werden kann), auf Google-, demnächst aber auch auf Symbian-, i-  und anderen Smartphones läuft und den veröffentlichten Ort seines Nutzers nach einer einstellbaren Zeit wieder vergisst. Und GigaOM beschreibt hier ausführlich, welche Vorteile Verortung im Netz für seine Benutzer hat.

We are starting to experience the “problem of plenty” on the web, which is making it difficult to find information. It’s a problem being driven in large part by the availability of the vast number of tools that make publishing to the web a breeze.

At the same time, we are woefully lagging when it comes to creating tools that ease the consumption of content. For precisely those reasons, I believe that the web has to become more dynamic, more intelligent and will need a degree of serendipity. And that will give us the ability to find the content we like and want to consume without making much of an effort.

Location-aware services are perhaps the best way to provide that context.

Was zu beweisen sein wird. Now I’m here. Now I’m there.

Via web von Bluelectric ePost