Heul‘ doch!

Realpolitische Sozialdemokraten müssen jetzt mal weghören. Oder nein: Gerade sie werden mich verstehen. Denn im Grunde genügt eine unvoreingenommene Auffassung vom Beruf des Politikers, um zu begreifen, was ich im Folgenden zu sagen habe.

Gerade eben, nach dem Sonntagsfrühstück, lese ich in der Netzeitung, dass Andrea Ypsilanti unter Tränen geht. Wir schalten um:

In ihrer Abschiedsrede wandte sie sich dagegen, das Scheitern ihrer Regierungspläne und die Wahlniederlage auf den Wortbruch der Zusammenarbeit mit der Linkspartei zurückzuführen: «Was wir erlebt haben, war und ist ein Konflikt über ein politisches Programm.» Es habe massiven, auch publizistischen Widerstand gegeben, weil sie bei dessen Realisierung habe Wort halten wollen. Ypsilanti brach bei ihrem Schluss-Satz in Tränen aus. Viele Delegierte erhoben sich zum Applaus.

Nun hätte ich ja gedacht, dass zu dem Thema Y alles gesagt sei, und so ziemlich auch von jedem, so dass ich meine Klappe halten könnte. Weit ge#failt. Sie – Y selbst – hat es immer noch nicht kapiert.

Der Grund, weshalb Y heute nicht hessische Ministerpräsidentin, sondern politische Ex ist, liegt nämlich nicht darin, dass andere, die bösenbösen Medien eingeschlossen, eine Kampagne geführt hätten. Der Grund liegt aber auch nicht darin – und diese Erkenntnis hat mich selbst ein wenig überrascht -, dass Lügen im Wahlkampf (wir erinnern uns: „Nie mit der PDS Linken“ vs. „Mit der PDS Linken, weil wir nur so gute, weil sozialdemokratische Politik machen können“) plötzlich verboten wären. Ha. Hamwa gelacht. Selbst in Nordhessen gehen sie seit Jahrzehnten davon aus, im Wahlkampf bemogelt zu werden.

Der Grund, weshalb Y nicht hessische Ministerpräsidentin werden durfte und konnte, liegt vielmehr darin, dass sie es nicht kann.

Jemand, der so den Kontakt zur Realität, in der eigenen Fraktion, der eigenen Partei und der ehemals eigenen Wählerschaft verloren hat, soll ein Land oder zumindest eine Landesregierung erfolgreich leiten können? Jemand, der den eigenen politischen Erfolg (OK, wollen wir mal unterstellen, es sei Y wirklich um hessisch-sozialdemokratische Politik gegangen und nicht um die eigene Karriere) so distanzlos anhechelt, dass ihr elementarste politische Fehler unterlaufen (den innerparteilichen Gegner mit einem Trostministerium abspeisen wollen – so ungeschickt bin ja nicht mal ich!), ist doch außer Stande, im Haifischbecken Politik auch nur einen Fuß ins Trockene zu bringen – oha, da geraten mir in der Aufregung die Bilder durcheinander.

Nein, Frau Ypsilanti, Hessen hat nicht Pech gehabt, dass es jetzt keine Sozialdemokratie nach hessischem Muster hat; Hessen hat das Glück gehabt, um eine unfähige Ministerpräsidentin herumgekommen zu sein – selbst um den Preis von weiteren Jahren mit Roland Koch.

Und das ist ein verdammt hoher Preis.

[Photo: Sven Teschke – Lizenz]