Halts Maul, Nazi!

Mal sehen, wieviel zusätzlichen Verkehr, und aus welcher Ecke, mir dieser Eintrag bringt. Und wieviel Besucher künftig wegbleiben, weil sie mich falsch verstanden haben. Wird spannend.

Sehe gerade die Talkshow der politisch Korrekten im Lande, „Hart aber fair“. Darin geht es um Jugendgewalt, damit auch – u.a. dank der medialen Berichterstattung der letzten Wochen, aber auch des Getöses von konservativer Seite – um Gewalt von Mitmenschen mit Migrantenhintergrund, wie man das jetzt nennt. Zwischendurch wird Roland Kochs Wortwahl mit der des NPD-Vorsitzenden verglichen, und schon gerate ich unabhängig vom Thema der Sendung ins Nachdenken.

Ich bin seit 1983 hauptberuflich Journalist und war in dieser Zeit auch lange redaktionell, fast ausnahmslos für öffentlich-rechtliche Sender, tätig. In diesen Redaktionen galt fast ausnahmslos der unausgesprochene oder auch ausgesprochene Grundsatz, Extremisten keine Plattform zu geben, sprich: linke und rechte Extremisten nicht auf dem Sender, im Programm, zu Wort kommen zu lassen. Dieser Grundsatz wurde nie ernsthaft in Frage gestellt, und der Effekt war klar: Die jeweiligen Sender hatten keine ekelhaften Volksverhetzer im Programm, die Volksverhetzer konnten ihren geistigen Müll nicht über das jeweiligen Publikum auskippen, und im Übrigen ersparte man sich dadurch auch ganz pauschal rechtliche Probleme, die aus unterstellter Beihilfe zur Volksverhetzung hätten entstehen können. Praktisch.

Zwischen 1996 und 2003 habe ich in den USA eine andere, viel tolerantere Auffassung von Meinungs- und Redefreiheit kennengelernt, und ich habe angefangen (und bis heute nicht aufgehört), darüber nachzudenken. In den USA dürfen auch Nazis (ja, die gibt es dort auch, und auch dort haben sie diese äußerst fragwürdige Hitler-Nostalgie in ihrem Programm) ihr Gedankengut ungehindert verbreiten – und selbst die größten USA-Kritiker sind kaum der Meinung, dass Nazis das schlimmste Problem ist, das sie mit den USA haben.

Rechtsextreme, wenn sie sich in unseren bundesdeutschen öffentlich-rechtlichen Medien äußern dürfen (weil diese Medien sie lassen müssen, nach peinlichen Wahlergebnissen in Landtagswahlen beispielsweise), haben – bei aller Ungelenkheit, mit der die diensthabenden Moderatoren dabei an den Tag legen – es noch immer zuverlässig geschafft, sich in ganz wenigen Sätzen selbst zu demontieren. Warum also sollte man den Extremen eigentlich medial den Mund verbieten?

Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, so bescheuert, doof, falsch oder antimenschlich sie sein mag. An Medienunternehmen habe ich als Konsument aber die Frage: ist weitgehendes pauschales Verschweigen wirklich die richtige Methode? Als Demokrat habe ich es ganz gerne mit Leuten zu tun, über deren Denken ich informiert bin.

Als Alleineigentümer eines Weblogs dagegen behalte ich mir die Entscheidung vor, wessen Kommentare ich hier zu- und stehenlasse, und wer hier zuverlässig keine Plattform bekommt (you know who you are!).