Gotham

In Empfehlenswerten Gegenden™ habe ich mich gerne und, wenn’s ging, oft aufgehalten. Und warum soll ich davon hier nicht erzählen? Eben.

Aber nicht doch – er wird uns doch jetzt nicht ausgerechnet die Stadt empfehlen, in die sowieso schon jeder fährt, der nicht unter Flugangst oder Antiamerikanismus leidet?

Doch, wird er. Denn irgendwann zwischen 2000 und 2003 war es, dass meine Tante, eine echte New Yorkerin (geboren in München, wo sonst?) und ihr zweiter Mann in der Tür ihres Apartments standen, um mich nach einem Besuch zu verabschieden, und sie sagte: „Wir wollen, dass Du das hier als Dein zweites Zuhause ansiehst.“

Gotham at Night
Gotham at Night

1938 war meine Tante von Bord des italienischen Schiffes Saturnia gegangen, mit nicht viel mehr als einem Arbeitsvisum, einem Arbeitsvertrag und einer Handvoll Dollar™ in der Tasche. Hier hatte sie ihren ersten Mann kennengelernt, hier hatte sie mit ihm eine Familie gegründet, von hier ist sie nicht mehr weggezogen. Und diese New Yorkerin sagt mir, ich soll mich hier zuhause fühlen? You bet.

Nun war das am Anfang des Jahrtausends für mich erheblich einfacher als heute; ich lebte nur etwas mehr als 200 Meilen (330 km) von New York entfernt und war ohnehin oft geschäftlich in der Stadt. Seit der Rückkehr nach Deutschland war ich nur noch dreimal in New York, das letzte Mal vor einem Jahr. Meine Tante war schon fünf Jahre vorher von uns gegangen, ihr zweiter Mann, ein echter Südstaatler (geboren in Berlin, wo sonst?) war wieder in die Südstaaten gezogen, doch vom Haus meines Cousins aus zog ich zum ersten Mal mit Greta, meiner Tochter, einer echten Berlinerin (geboren in Fairfax, Virginia, wo sonst?) durch die Stadt – und war sofort wieder zuhause.

She can has Cheezburger!
She can has Cheezburger!

Was macht es aus, sich in einer solchen Stadt zuhause zu fühlen?

Das Wissen, wo die Tochter einen wirklich guten Cheeseburger bekommt (in einem „Parisian Steak House„, wo sonst?). Ihr die Geschichte von Yorkville erzählen zu können, der einstmals „deutschen“ Gegend von Manhattan, in der die Marx Brothers aufgewachsen waren, und ihr dann den Laden zeigen zu können, in dem die Tante Ende der 80er Jahre eine Dose Original Bassermann Pflaumenmus kaufte, die sie dann mit ihrem Neffen im Jahr 2002 aufmachte (und das Pflaumenmus war noch gut, wenn auch etwas teerartig in der Konsistenz!). Und ihr dann die Bank mit Blick auf die 59th St. Bridge zu zeigen, auf der Woody Allen mit Diane Keaton gesessen hatte. OK, den Film hatte die Tochter noch nicht gesehen – war eher was für mich, der Moment.

Die Stunden, die ich in brennender Sonne oder in beißender Kälte vor den Vereinten Nationen verbrachte, auf die nächste Liveschalte mit dem Heimatsender wartend. Die Stunden, die ich beim Frühstück im Nations Café (Home of the Feta Cheezburger – im ersten Bild das hellerleuchtete Fenster an der linken Straßenecke) saß, einfach, weil es einen Block von der Wohnung der Tante und direkt neben der deutschen UN-Botschaft gelegen war, und weil eine gute Chance bestand, den jeweils zu einer UN-Veranstaltung angereisten deutschen Minister (oder die angereiste Ministerin) dort ebenfalls beim Frühstück zu treffen. Die Stunden, die man mit den Erinnerungen der Tante an ihre ersten Monate in New York (in Buchform) durch die Stadt läuft und die Orte aufsucht, die sie 1938 selbst zum ersten Mal gesehen, an denen sie damals gelebt hat. Und das Wissen, dass der Begriff Gotham City ursprünglich nichts mit der bedrohlichen Stadt der Batman-Geschichten zu tun hat, sondern mit der absolut beschränkten  Atmosphäre in einem englischen Provinzort namens Gotham. Schwer zu erklären, ich weiß.

New Yorkers, in a hurry
New Yorkers, in a hurry

Shoppen gehen – nicht bei Macy’s oder Bloomingdale’s, sondern in Klein’s Supermarket (keine Verwandtschaft), weil man ja was essen muss. An den langen Schlangen vor dem Eingang zum Empire State Building vorbeigehen, weil man schon oft oben war. Ins Theater gehen, den unverschämten Preisen zum Trotz. Lieber Bus fahren als Subway, weil man mehr sieht (Tipp der Tante). Und nie langsam gehen (s. Symbolbild), weil man das eben nicht tut in Manhattan (oder auf Staten Island, wenn die Fähre gleich geht).

Aber auch: den Ort zu besuchen, an dem ich im August 2001 auf dem Weg zu einem Termin noch einen Bagel kaufte – in dem Gebäude, in das einen Monat später ein Flugzeug raste. Daran zu denken, wie ich einige Jahre zuvor weit oben in diesem gleichen Gebäude an einem Fenster gestanden hatte, auf ein Interview wartend, und nach unten guckte – nach sehr weit unten, auf diese große Stadt, die von dort oben klein aussah.

Diese große Stadt mit ihrer aufregenden Geschichte, die Stadt, in der ich gerne zuhause wäre.

4 Gedanken zu „Gotham“

  1. Hey Konstantin,

    Dein Blog hat mein Herz mit Wärme erfüllt: Auch ich liebe die USA und vor allem New York. Bin ja mal in Buffalo zur Schule gegangen, als ich noch klein war. Du bist heute immer noch Klein, und Dein Text ist ganz groß. Hat Spaß gemacht das zu lesen.

    Herzlichst

    Jacky

    • Vielen Dank – von Dir freut mich dieser Kommentar ganz besonders!

      Und irgendwann bin ich auch wieder mal mehr als nur ein paar Stunden in der Kölner Bucht, und dann gucke ich wieder bei Dir vorbei!

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