Generation U. Oder V. Höchstens V.

Tach, Jungspunde,

Opa erzählt vom Krieg. Bzw. Opa (der in Wirklichkeit gerade mal Papa ist) erzählt, wie das so in seiner Jugend war, und nein, das war nicht vorm oder auch nur während des Krieges, unverschämte Bengels!

Zugegeben, es war im letzten Jahrtausend.

Es war im letzten Jahrtausend, dass Opa studierte. Zum ersten Mal. Er studierte Kommunikationswissenschaft, was ein Wort ist, das er während der gesamten acht Semester, die das Studium bis zum Abbruch dauerte, nur selten fehlerfrei tippen konnte. Fehlerhaftes Tippen aber sorgte für negative vibes, weil man nicht einfach mit der delete-Taste rückwärts gehen konnte, sondern mit klebrigem oder staubigem Tipp-Ex… aber das gehört nicht hierher.

Die Kommunikation, in der es in der gleichnamigen Wissenschaft ging, war Massenkommunikation und ging so: Wenige kommunizieren, die Massen konsumieren. Interaktivität hieß damals noch „Leserbriefe“. Individuelle Kommunikation fand mit Telefonen statt, die man von der Bundespost mietete, und die deshalb fest in der Wand verankert waren, damit die Bundespost immer wußte, wo ihre Telefone sind.

Mobiltelefone gab es auch. Die musste man kaufen, und damit die Bundespost immer wusste, wo sie sind, wurden sie fest in Autokofferräumen verankert, die dabei erheblich an Fassungsvermögen einbüßten.

Später dann gab es E-Mail. Mit den Kolleginnen und Kollegen, weil man im selben Firmennetz sein musste, um sich erfolgreich Nachrichten zuzuschicken. Der Inhalt der tatsächlich verschickten Nachrichten tut wenig zur Sache.

Noch später gab es dann das Internet. Das hieß zunächst CompuServe oder AOL, war relativ teuer und absolut uninteressant. Deshalb ließen sich Opas Altersgenossen dieses Internet auch nur ungern erklären. Wozu hatte man inzwischen Sekretärinnen? Und Drucker, draußen im Vorzimmer?

Opa hatte dann irgendwann plötzlich überraschend wenig Familie und sehr viel Zeit neben dem Job und studierte noch einmal. Information technology an einer amerikanischen Fernuni. Weil das ja auch mit Kommunikation (siehe Absatz 3) zu tun hat – irgendwie. Und Opa hielt Schritt.

Und deshalb ist es so, dass viele von Opas Alters- und Studiengenossen, die sich nicht durch Zweitstudien oder solchen Firlefanz haben aufhalten lassen, in hohen Positionen in der Medienindustrie sind, während Opa mit seinem über die Jahre erworbenen Wissen gerade mal Redakteur, aber voll vernetzt ist, Telefone nur selten zum Telefonieren, aber immer zum Kommunizieren benutzt, immer wieder mit erstaunten Kinder Opaaugen auf die soziale Entwicklung guckt, die die technische Entwicklung der letzten 20 Jahre mit sich gebracht hat, und sich ansonsten kein bisschen darüber wundert, warum in den oberen Etagen der Medienindustrie (und auch der Politik, aber das ist ein ganz anderes Kapitel!) vor lauter Karrieremachen das Aufdemlaufendenbleiben ein wenig hintenrunter gefallen ist. Weshalb dort (in den oberen Etagen) oft erstaunlich wenig Verständnis herrscht für die Veränderungen in dem, was wir Massenkommunikation nennen.

Und ihr, junges Volk, ihr wundert euch darüber?

Hinweis: Dies ist eine pauschale Verächtlichmachung von Verantwortungsträgern in der Medienindustrie, die so nicht gerechtfertigt ist. Natürlich gibt es viele Medienmanager, die durchaus kapiert haben, dass (und warum) alte Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren. Diese Manager sind aber zu beschäftigt, sich an die Entwicklung anzupassen, um noch öffentlich über das böse böse Internet zu jammern. Das machen nur die anderen, die Telefone immer noch zum Telefonieren und Sekretärinnen immer noch zum Mailausdrucken benutzen.