Generation Tweet

Scott Karp, Schreiber für Publishing 2.0 (argh, ein Zweinull!) hatte es vor sechs Wochen oder so schon ganz treffend formuliert:

[…] Twitter has turned distraction into an art form. It’s like hanging out at a bar with a bunch of interesting people (some of whom are talking on their cellphones) and forgetting that you have to go home. Which, when done in moderation, is a very GOOD thing.

Karp schreibt dann weiter, dass die Sache mit der Mäßigung (moderation) eben sein Problem sei, und dass Twitter für ihn zu einer Zeitverschwendung erster Sorte geworden sei, weshalb er aufgehört habe damit.

Mit der Sicherheit des in der dritten (und hoffentlich letzten) Woche Krankgeschriebenen begge ich to differ. Seit ich meinen schon lange bestehenden Twitter-Account auch tatsächlich nutze (altes Verhaltensmuster von mir: beim Account-Erstellen bin ich immer early adopter, die tatsächliche Nutzung findet erst dann statt, wenn die Meinungsführer schon wieder weg sind), empfinde ich Twitter weniger als Kneipe – ohne damit Karps Vergleich zu entwerten -, sondern eher als Großraumbüro, in dem ein Haufen freundlicher Kollegen sitzt, arbeitet und ab und zu Laut gibt.

Das mag damit zu tun haben, dass auf der Liste derer, die ich auf Twitter verfolge, vor allem Menschen stehen, die bei der Arbeit von der Arbeit twittern. Das mag auch damit zu tun haben, dass ich schon oft in Großraumbüros gearbeitet habe und dort immer die beschriebene Atmosphäre vorgefunden habe: Alle arbeiten konzentriert, und ab und zu sagt einer was, das die Laune aufrecht erhält. Ich habe diese Atmosphäre immer als sehr angenehm empfunden und werde das nach dem Ende der Krankschreibung auch wieder tun. Und deshalb mag ich es, ein Twitter- oder IM-Fenster offen zu haben und mitzulesen, was die anderen so tun.

Wobei der ganz große Witz ist, dass ich von den 27 Twitterern, denen ich folge, erst sieben in carbon world gesehen habe, mit dem achten gelegentlich kurze IM-Konversationen betreibe und mit Nummern neun und zehn die letzten Mails von meinem Schreibtisch in Falls Church, VA getauscht habe, also vor mehr als vier Jahren.

It’s a sad and beautiful world.