Gartenzwerg 3.0

Never touch a running system. Wenn das system aber – aus welchem Grund auch immer – nicht mehr runt, wie es soll, sieht die Sache schon ganz anders aus. Und wenn es sich bei dem system noch dazu um ein Netbook handelt, das keine eigenen Daten mit sich rumschleppt, sondern alles, alles aus der Cloud holt (hallo Ubuntu One!), dann ist die Hemmschwelle gering, das system zu touchen und etwas ganz neues auszuprobieren.

Auftritt Linux Mint. Das ist nach allem, was man so hört, der next hot shice in der Nachbarschaft von Ubuntu, nach eigenem Bekunden das viertbeliebteste Betriebssystem nach Windows, OSX und Ubuntu. Linux Mint gibt es in zwei grundverschiedenen Konzepten – als Linux Mint Debian Edition, ein rolling release, immer aktuell und mir hier in den Kommentaren ans Herz gelegt, und als Standard-Ausgabe, derzeit in Version 11, eng an Ubuntu 11.04 angelehnt. Zu Experimenten mit Debian hatte ich weder Zeit noch Mut, sondern brauchte für eine Dienstreise schnell etwas funktionierendes, und so landete Katya (so der Name des Linux Mint Release – doch etwas sympathischer als der Ubuntu-Name Natty Narwhal) auf meinem Dell Mini.

Ich war unterwältigt. Linux Mint bietet GNOME 2.32 als Oberfläche, was für Unfreunde der aktuellen Ubuntu-Oberfläche Unity vielleicht ein Grund zum Wechseln wäre. Linux Mint bietet unfreie Media-Codecs, aber die kann sich ein Ubuntu-Nutzer inzwischen auch schnell herbeiklicken. Linux Mint bietet eine Windows- (und KDE-) ähnliche Menu-Struktur, was Windowswechslern vielleicht Spaß macht. Linux Mint bietet eine mintgrüne Anmutung. Ich mag blau lieber. Und die Mint-eigene Softwareverwaltung unterscheidet sich vom Ubuntu-Softwarecenter nach meiner Erfahrung vor allem in der Geschwindigkeit – bzw. dem Fehlen einer nennenswerten.

Was tun also? Dienstreise beenden, zuhause wieder Ubuntu (oder doch die Debian-Edition??) draufbügeln, und gut?

Da platzte mir ein Abendtermin in Bonn, und ich erinnerte mich an den Bericht von einem, der auszog und GNOME 3 über Linux Mint drüberbügelte. GNOME 3, die andere Revolution einer GNOME-Benutzeroberfläche neben Unity? Warum nicht.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin ein großer Fan von Unity und bewundere den Mut der Ubuntu-Leute, das Uraltkonzept vom Desktop mit geöffneten Fenstern mal eben über Bord zu schmeißen, ohne die User zu fragen. Aber mit einem System an der Hand, das ohnehin nicht meinen Erwartungen genügte…?

GNOME 3 also, die Oberfläche, die nur noch „Aktivitäten“ kennt (wer baut mir eine Oberfläche, die auch „Passivitäten“ kennt? Keiner. Dachte ich mir.). Nach gerade mal einer halben Stunde mit GNOME 3, immer noch im Stadium des Anpassens und Ausprobierens, bin ich nicht mehr ganz so überzeugt davon, dass Ubuntu die richtige Entscheidung traf, als man GNOME 3 zugunsten der hauseigenen Unity verwarf.

Dass die Desktop-Analogie mit Icons, Dokumenten und Fenstern arg in die Jahre gekommen ist, hat man sogar bei Microsoft erkannt. GNOME 3 scheint sich davon noch weiter zu entfernen als Unity, und Revolutionäres macht mir ja gerne Freude. Möglich, dass die GNOME-Gemeinde zu weit gegangen ist (und mal wieder den Nutzer zu sehr bevormundet), möglich, dass Linus „Linux“ Torvalds Recht hat mit seiner Verurteilung von GNOME 3 als „unbenutzbar“ (er bleibt beim alten Fenster- und Desktop-Prinzip), ganz sicher stimmt sogar, dass GNOME 3 ebenso wie Unity noch nicht fertig ist. Aber unterwegs werde ich vorerst weiter mit der neuen Oberfläche arbeiten – und vielleicht auch bald zuhause.

Ach ja: Wie lief es denn? Die oben und gerne auch noch einmal hier verlinkte Beschreibung von TechnologyTales enthält keine Mausklickereien in der Software-Verwaltung von Linux Mint (s.u.), sondern beschreibt frohes Kommandozeilen-Treiben. Das, kombiniert mit einer UMTS-Verbindung ins Netz (Hotel…), füllt schon mal einen halben Abend, und von Warnungen darf man sich nicht ins Bockshorn jagen lassen. Aber was dort (und in den Kommentaren! Vergesst mir die Kommentare nicht!) steht, hat ausgereicht, mir aus einem etwas langweiligen, aber funktionierenden System ein spannendes und funktionierendes System zu machen.

Und Windows- und auch Mac-User kratzen sich am Kopf und fragen sich, was an einer vorgegebenen Benutzeroberfläche eigentlich so falsch sein soll.

Update, eine Woche später: Expect things to break, hieß es. Und es geschah. Was nämlich nicht mehr funktioniert, ist der Abgleich aller möglicher lokaler Ordner mit dem Onlinespeicher von Ubuntu One. Auf einmal sind die Backups solcher Ordner weg aus der Cloud. Das ist kein Problem, wenn man auch anderswo Backups unterhält und/oder es rechtzeitig merkt; wenn man aber darauf angewiesen ist, sollte man die Finger von Gnome 3 lassen – bis Mitte Oktober, wenn Ubuntu 11.10 herauskommt, das neben Unity auch Gnome 3 beherrschen soll.