Ferngesehen. Wieder was gelernt (70er-Jahre-Ausgabe).

Vor drei Tagen twitterte die Politikerin, Grünen-Mitbegründerin und Autorin Jutta Ditfurth (aus den üblichen Gründen nicht eingebettet, sondern zitiert und in der Quellenangabe verlinkt, nicht, dass Sie sich auf dieser Seite schon einen Twittertracker einfangen!):

Am 15. Okt. wäre mein Vater Hoimar von Ditfurth 100 Jahre alt geworden. […] Er war Prof. für Psychiatrie und Neurologie. Autor, Publizist, schuf populärwiss Radio- + TV-Sendungen zu breitem Spektrum an naturwiss Themen (WDR, SFB + ZDF »Querschnitt«). Kürzlich bekannt wurde seine TV-Sendung von 1978 (!) zur Klimakatastrophe. In Berlin-Charlottenburg geboren, starb er am 1. Nov. 1989 in Staufen/Breisgau an Krebs.

@jutta_ditfurth

Und… Flashback in die frühen 70er Jahre. Damals hatten die Eltern noch entscheidenden, wenn auch mit der Zeit schwindenden Einfluss auf das, was es bei uns zu sehen gab – in den gerade mal dreieinhalb Kanälen, die wir überhaupt reinbekamen (Österreich 1 nur bei guten Wetterbedingungen). Ich kann mich auch nur an wenige Sendungen jenseits der Tagesschau (also um 20:15) erinnern, die wir regelmäßig sehen durften. Dazu gehörten neben „Paul’s Party“ mit Paul Kuhn (nun ja, der elterliche Musikgeschmack war eben ein anderer!), „Was bin ich?“ (aus familiären Gründen, und überhaupt: Hat das damals irgendwer nicht geguckt?) und dem „Kommissar“ (Yess!) vor allem die Wissenschaftssendungen von Juttas Vater Hoimar von Ditfurth (mit Volker Arzt) und Horst Stern. Jawohl.

Von Ditfurths „Querschnitt“ und „Sterns Stunde“ waren nicht nur für uns, nun ja: Sternstunden des Wissenschaftsjournalismus im Fernsehen, und wir lernten – nicht nur wir in unserem Münchener Wohnzimmer, sondern alle, die bundesweit guckten – Dinge über Natur und Tiere, die wir vorher noch nicht wussten (H. Stern) und Natur, Wissenschaft und Umwelt (v. Ditfurth) – und wurden von den beiden ernsthaften Männern (speziell Stern hat, quasi als Markenkern, immer sehr grimmig in die Kamera geguckt) dabei unmerklich in Richtung einer Denkweise geschubst, die mich Jahrzehnte später zum Grünenwähler, Nichtmehrautofahrer und – hihi! – Mülltrenner (among other things) machte. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Programmauswahl auch im Sinne meiner Eltern erfolgte, die in meiner Erinnerung konservativ, aber naturverbunden waren und möglicherweise früh-, wenn nicht vor-grün dachten. Und wenn ich mir aus fast 50 Jahren Sicherheitsabstand die Gesamt-Programmauswahl so angucke, ergibt sich ein umfassendes Bildungs-Bild: Natur, Umwelt, Tiere, und für die Annäherung an die reale, wenn auch ungute Aussenwelt incl. Tabak- und Alkoholkonsum im Dienst eben Der Kommissar.

Bevor ich jetzt in das Gejammere ausbreche, im Fernsehen sei früher eben alles besser gewesen (war es wirklich, wenn auch wahrscheinlich nur, weil Sendezeit knapp war und von öffentlich-rechtlichen Redaktionen mit wenig Rücksicht auf gefühlten oder tatsächlichen Massengeschmack verteilt wurde), denke ich nochmal an Hoimar von Ditfurth und Horst Stern zurück und daran, dass ihre Sendungen heute formal völlig aus der Zeit gefallen wirken würden, uns aber vor 50 Jahren schon zeigten, dass wir unsere Umgebung mit Vernunft, Wissen und ein bisschen Zuneigung behandeln sollten, wenn wir sie denn behalten wollten.

2 Gedanken zu „Ferngesehen. Wieder was gelernt (70er-Jahre-Ausgabe).“

  1. I’ve been a privileged TV viewer in the sense that in The Netherlands all TV providers must transmit a number of (public) foreign broadcasting channels in their ‚free‘ package offering.
    Amongst these are no less than 5 German public channels, BBC 1 & 2, and BBC First, both Belgian public channels (Een & Canvas), Arte, TV5 Monde, and a few less important ones.

    For over half a century I’ve enjoyed watching programmes on all of them. The absence of subtitles (mostly) or the use of dubbing (German TV, see: https://www.dw.com/en/film-dubbing-as-high-art-in-germany/a-48862319) has done wonders for my understanding of various foreign languages.

    But I digress. The article above made me think back to some memorable broadcasts I’d seen on German television in the previous century and 2 sprang to mind. WDR Computerclub: https://de.wikipedia.org/wiki/WDR_Computerclub and Klimbim: https://de.wikipedia.org/wiki/Klimbim The latter mostly in order to catch a glimpse of the wonderful Ingrid Steeger in her prime: https://de.wikipedia.org/wiki/Ingrid_Steeger

    There are dozens more (many music-related, e.g. Musikladen, One Filter, Beatclub, Rockpalast) but the space here (and your attention span, Im sure) are limited.

    Oh, I’d almost forgotten all the great Krimis! Still viewing and enjoying many of them!

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