Falling

Zu persönlich soll es auf diesen Seiten nicht zugehen (ist das hier ein Internet-Tagebuch oder was?), aber manchmal geht es nicht anders.

Lese gerade Falling Man des amerikanischen Autors Don DeLillo, einen Roman über New Yorker in den Tagen nach dem 11. September 2001. Das Buch hat schon an anderer Stelle positive Kritiken gesammelt, weshalb ich mir hier weitere Lobpreisungen spare; ohnehin habe ich es erst zu einem Drittel gelesen und kann deshalb vor allem eins sagen: Falling Man hat mich mitgenommen.

Für alle, die nicht schon seit dem Jahr 2001 an dieser Stelle bzw. an den Vorgängeradressen mitlesen: Ich verbrachte den 11. September 2001 in Washington, sah live im Fernsehen, wie das zweite Flugzeug in den Südturm des World Trade Center einschlug, sah auf dem Weg zur Arbeit eine Rauchwolke über dem Pentagon aufsteigen und tat in den Stunden, Tagen und Wochen danach das, was von einem Reporter erwartet wird: ich funktionierte.

Erst letzte Nacht (!) wurde mir klar, wie wenig ich die Ereignisse des 11. September für mich selbst verarbeitet hatte.

Nachdem ich das Buch weglegen musste, lag ich noch eine Zeitlang wach, dachte an die flüchtig Bekannten, die ich unter den Opfern in New York gehabt hatte, dachte an die Hölle aus Stahl, brennendem Flugbenzin, Asche, dachte auch an die riesige Wunde im Stadtbild von New York, die ich erst vor zwei Monaten wieder gesehen hatte. Ich dachte an den Wahnsinn der Schuldigen – und ich dachte auch (ich kann es eben nicht lassen) daran, wie sich das Zusammenleben der Menschen auf beiden Seiten des Atlantik seitdem verändert hat.

Und so wütend mich die Pläne und Aktionen derer machen, die gerne unter dem Label „Internationaler Terrorismus“ zusammengefasst werden, und so sehr ich auch den Menschen, die mir nahe sind, Sicherheit wünsche: Es ist festzustellen, dass die professionellen Angstmacher in Washington wie in Berlin wie auch anderswo eifrig und effektiv daran arbeiten, Grundrechte der Bewohner einer westlichen Demokratie auszuhöhlen – teils eher unauffällig und heimlich, teils offen und ein wenig herausfordernd, unter der Überschrift: „In Zeiten wie diesen sind gewisse Bürgerrechte obsolet geworden.“

OK, diesen letzten Satz kann ich nicht belegen; das hinter einem solchen Satz stehende Denken aber haben wir alle schon beobachten können, denke ich.

Umso wichtiger ist es, sich eben nicht ins Bockshorn jagen zu lassen, eben nicht alle Einschränkungen hinzunehmen.

Das war die Erkenntnis der letzten Nacht: Die Bedrohung durch den Terror mag ja real sein – die Bedrohung für die Freiheit ist es aber auch. Und dieser Bedrohung dürfen wir nicht nachgeben.

Technorati Tags:
, ,