Facebook-Mood: not amused

Aus der Sicht eines (anderen) Journalisten könnte man schon fast als Berufsunfähigkeit bezeichnen, wie schwer ich mich über manche Sachen aufrege. Wo andere schon Skandalschlagzeilen am laufenden Band raushauen, brumme ich oft noch „Und?“ oder „Hast du was anderes erwartet?“, bevor ich mich an die Arbeit mache. Hat vielleicht auch mit dem Dienstalter zu tun; irgendwann regt der Mensch sich nicht mehr über jeden Scheissdreck auf.

Und dann kommt The Atlantic (und andere) und berichtet, wie Facebook untersucht, wie sich die Auswahl der angezeigten Nachrichten (wir erinnern uns: „Hauptnachrichten“ vs. „Neueste Nachrichten“, Nachrichten, die gar nicht oder nur gegen Geld angezeigt werden etc.) auf die Stimmung der Facebook-Nutzer auswirkt:

For one week in January 2012, data scientists skewed what almost 700,000 Facebook users saw when they logged into its service. Some people were shown content with a preponderance of happy and positive words; some were shown content analyzed as sadder than average. And when the week was over, these manipulated users were more likely to post either especially positive or negative words themselves.

Das Ergebnis: eine Studie, veröffentlicht im prestigeträchtigen Fachblatt Proceedings of the National Academy of Sciences.

Nee, Facebook, so nicht.

Mir ist wie jedem anderen, der mit zumindest halbgeöffneten Augen durchs Leben geht, klar, dass solche Studien in Verhaltenspsychologie und Marktforschung nicht so unüblich sind. Was ich jedoch in den paar Semestern, die ich mich selbst mit sowas beschäftigt habe, gelernt habe, ist, dass man den Teilnehmern einer solchen Studie sagt, dass sie an einer Studie teilnehmen – nicht unbedingt, worum es in der Studie im Einzelnen geht, weil das das Verhalten der Teilnehmer beeinflussen kann, aber doch, dass sie Teil einer Studie sind, dass ihr Verhalten beobachtet und protokolliert wird, und dass mit Manipulationsversuchen zu rechnen ist. Im Falle Facebook ist das offensichtlich nicht geschehen.

Wie The Atlantic berichtet, fand auch Susan Fiske, die für die Veröffentlichung der Studie verantwortliche Redakteurin die Sache creepy:

„I was concerned,“ she told me in a phone interview, „until I queried the authors and they said their local institutional review board had approved it—and apparently on the grounds that Facebook apparently manipulates people’s News Feeds all the time. […]“

Die Studie wurde bei Facebook also unter der Maßgabe genehmigt, dass der Nachrichtenstrom ohnehin andauernd manipuliert wird. Ja, dann…!

Nun weiß ich, wieder in meiner Eigenschaft als angejahrter Journalist, dass die Manipulation von Leser- und Zuschauerstimmungen nichts ist, was Facebook erfunden hat. Das kommt seit Jahrzehnten in staatlich wie privat kontrollierten Medien aller Art vor (ein Dr. Goebbels soll es da zu einer gewissen Meisterschaft gebracht haben) – und auch dort werden die, sagen wir: Studienteilnehmer durchaus nicht jedes Mal informiert, wenn sie manipuliert werden. Der Fall der Facebook-Studie unterscheidet sich in zwei wesentlichen Merkmalen von diesen früheren Manipulationsversuchen:

  1. Facebook kann durch die halbautomatische oder automatische Auswertung der unmittelbaren Reaktionen seiner Studienteilnehmer viel genauer messen, wie sich die Stimmung der Teilnehmer verändert. Und
  2. (und noch viel wesentlicher) beruht die Manipulation nicht auf dazu hergestellten Inhalten einer interessierten Partei (wie eines werbetreibenden Unternehmens, einer politischen Gruppe oder dergleichen), sondern auf der intransparenten Auswahl von Nachrichten aus dem eigenen Bekanntenkreis, also von Menschen, denen wir ungleich mehr vertrauen als anonymen Organisationen.

Wie verhält sich der Mensch, wenn er merkt, dass er manipuliert wird? Er entzieht sich der Manipulation, liest kein Krawallblatt mehr, guckt keine Sendungen von Krawallsendern mehr etc. Und er legt sein Facebook-Konto still – zumindest solange, bis er es aus anderen Gründen (nachgucken, was die Kollegen vom Social Media Desk so machen, beispielsweise) wieder aktivieren muss:

Ich habe mein Facebook-Konto deaktiviert

Ich habe mein Facebook-Konto deaktiviert

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